Laufverletzungen (Running-Related Injuries, RRI) haben oft mehrere Ursachen. Sie lassen sich in persönliche Faktoren, Lauf-/Trainings- und Gesundheits- und/oder Lebensstilfaktoren unterteilen.(1) Der Schlüssel zur Entwicklung einer umfassenden Versorgung für jeden Läufer liegt in der systematischen Untersuchung aller möglicherweise beteiligten Faktoren. So wird sichergestellt, dass nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen behandelt werden.
Um einen idealen und individuellen Behandlungsplan zu erstellen, ist es wichtig, die verschiedenen Arten von Läufern zu kennen. Läufer können auf der Grundlage ihrer Laufdistanz, ihrer Erfahrung und ihrer Laufziele klassifiziert werden. Je nach Dauer, Intensität und Häufigkeit des Trainings sind verschiedene Arten von Läufern anfällig für unterschiedliche Verletzungen.
Eine aktuelle Übersichtsarbeit (2020) legt nahe, dass:
…das Verletzungsrisiko für Personen, die erst vor kurzem mit dem Laufen begonnen haben, für Personen mit plötzlichen Steigerungen der Trainingsbelastung oder -intensität und für Personen, die für längere Distanzen trainieren, möglicherweise höher ist, da diese Personen ein höheres Laufvolumen benötigen, um sich auf Wettkämpfe vorzubereiten.(2)(p.9-10)
Eine systematische Überprüfung und Meta-Analyse (2015) lieferte die folgenden Definitionen für verschiedene Läuferpopulationen:(3)(p.1145)
Leichtathletik: Kurzstreckenlauf (Sprint) – Leichtathleten, die in Disziplinen bis zu einer Distanz von 400 m antreten
Leichtathletik: Mittelstreckenlauf – Leichtathleten, die in Disziplinen zwischen 800 und 3000 m antreten
Leichtathletik: Langstreckenlauf – Leichtathleten, die an 5.000- oder 10.000-Meter-Läufen teilnehmen
Anfänger – Läufer ohne regelmäßige Lauferfahrung im letzten Jahr
Freizeitläufer – Nicht wettkampforientierte Läufer oder Läufer, die an Straßenläufen von weniger als 10 km teilnehmen
Cross- oder Geländeläufer – Läufer, die an Crossläufen teilnehmen
Straßenläufer: Langstreckenläufer – Läufer, die an Rennen zwischen 10 km und weniger als einem Marathon teilnehmen
Marathonläufer – Läufer, die an einem Marathon teilnehmen
Ultramarathonläufer – Läufer, die an Läufen teilnehmen, die länger als ein Marathon sind
Die Hauptrisikofaktoren für Laufverletzungen sind eine Überlastung der muskuloskelettalen Strukturen infolge von(4) wiederholten Mikrotraumata und biomechanischen Faktoren.
Es gibt verschiedene Klassifikationen für die Faktoren, die Laufverletzungen beeinflussen. Die gängigsten Klassifikationen umfassen die Veränderbarkeit und die Natur der Einflussfaktoren:
Laufverletzungen treten am häufigsten am Knie, am Sprunggelenk und am Unterschenkel auf (bei männlichen und weiblichen Läufern).(6)(9)(10)
Je nach Körperteil machen das patellofemorale Schmerzsyndrom (Läuferknie), die Achillessehnen-Tendinopathie und das mediale tibiale Stresssyndrom den größten Anteil aus.(6)
Eine systematische Übersichtsarbeit (2015) legt nahe, dass eine frühere Verletzung und die Verwendung von Orthesen/Einlagen Risikofaktoren für Laufverletzungen sind.(1)
Nachstehend sind die Anteile der Laufverletzungen (Abbildungen 1–4) nach Geschlecht, anatomischer Lokalisation und spezifischer Pathologie aufgeführt.(6)
Eine ineffiziente Laufbiomechanik spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und dem Auftreten von Laufverletzungen.(11) Wenn ein Läufer schlechte kinematische Muster und einen ungünstigen Laufstil hat, beeinträchtigt dies die Fähigkeit des Körpers, externe Kräfte aufzunehmen, und erhöht das Risiko für Überlastungsverletzungen.(12)
Die Beurteilung der Laufbiomechanik mit 2D- oder 3D-Videoaufnahmen auf einem Laufband hat sich als genaue Methode zur Analyse des Laufstils erwiesen.(13)
Das Management von Laufverletzungen ist vielschichtig. Um eine Sportverletzung vollständig zu behandeln, ist ein ganzheitlicher Ansatz erforderlich. Dieser Ansatz sollte alle intrinsischen und extrinsischen Faktoren berücksichtigen, die zur Verletzung beigetragen haben. Die Sportrehabilitation umfasst die folgenden grundlegenden Komponenten:
Ein ausführliches Erstgespräch mit dem Patienten ist äußerst wichtig. Eine gründliche Anamnese ermöglicht es, das gesamte Ausmaß des Problems zu verstehen und ernsthafte Pathologien auszuschließen.
Bei Laufverletzungen gibt es viele Risikofaktoren zu untersuchen. Es sollten Fragen zu modifizierbaren Faktoren wie Laufdistanz, Häufigkeit, Tempo, Intervalle, Ernährung, hormonelle Probleme oder Veränderungen, Verwendung von Orthesen, Laufuntergrund, Aufwärmen, Dehnen und physiologische Aspekte gestellt werden.(12) Nicht modifizierbare Faktoren wie Alter, Geschlecht, Größe, Erfahrung, frühere Verletzungen und der allgemeine Gesundheitszustand sind ebenso wichtig zu ermitteln.(12) Eine systematische Überprüfung aus dem Jahr 2016 ergab, dass der größte Risikofaktor für die Entwicklung einer Laufverletzung eine frühere Verletzung ist.(12) Die unvollständige Rehabilitation einer früheren Verletzung kann zu biomechanischen Fehlern führen. Dies könnte die Ursache für die Entwicklung weiterer Überlastungsverletzungen sein.
Durch Fragen zu den kurz- und langfristigen Zielen des Läufers stellen Sie sicher, dass Sie und der Läufer sich über den Behandlungsplan und dessen Fortschritte einig sind.
Eine körperliche Untersuchung ist bei jedem symptomatischen Patienten wichtig, um den gesamten Körper umfassend zu beurteilen und eine genaue Diagnose und Behandlung zu ermöglichen. Haltung, Bewegungsausmaß, neurale Mechanosensitivität und Muskelkraft sind wichtige Aspekte, die untersucht werden müssen. Es ist wichtig, die Beweglichkeit (Mobilität) und die motorische Kontrolle eines Läufers zu beurteilen, da dies Faktoren sind, die zu biomechanischen Veränderungen im Laufstil führen können.
Beim Bewegungsscreening wird eine Reihe von grundlegenden funktionellen Bewegungen analysiert, um eventuelle Defizite bei der motorischen Kontrolle oder der Beweglichkeit festzustellen. Der Functional Movement Screen (FMS) ist ein Beispiel für ein Bewegungsscreening-Tool, das mit dem Ziel entwickelt wurde, Defizite in den Bewegungsmustern zu erkennen, um zukünftige Verletzungen vorherzusagen. Obwohl es sich um ein zuverlässiges Instrument handelt, ist seine Validität in Bezug auf die Vorhersage künftiger Verletzungen noch nicht erwiesen.(14) Anstatt die Screening-Tools zur Vorhersage zukünftiger Verletzungen zu verwenden, können Sie damit die Defizite in der Beweglichkeit und der motorischen Kontrolle des Patienten beurteilen, die möglicherweise zu der aktuellen Verletzung beigetragen haben.
Bevor Sie die Patienten beim Laufen beobachten, können Sie ein Bewegungsscreening durchführen. So können Sie systematisch die genauen Defizite in der Beweglichkeit oder motorischen Kontrolle untersuchen, die zu den Symptomen beitragen. Grundlegende Bewegungen wie Toe Touch (die Zehen berühren), Rückwärtsbeuge, Rotationen, Gleichgewicht im Einbeinstand und Kniebeuge können beurteilt und anschließend die einzelnen Komponenten jeder Bewegung genauer analysiert werden.(15)
Die folgenden Videos zeigen einige Beispiele für verschiedene Tests zum Bewegungsscreening.
Blogeintrag zum Thema Unilateral Hip Bridge Endurance (UHBE) Test
Der nächste Schritt zur Identifizierung der Ursache der Symptome sowie der Einflussfaktoren ist die Beurteilung des Laufstils des Läufers. Die Beurteilung der Laufbiomechanik auf dem Laufband mithilfe der 2D-Videoanalyse ist ein zuverlässiges Mittel zur Analyse der kinematischen Muster beim Laufen.(14)(16)
Wenn Sie bereits die Defizite in Beweglichkeit und motorischer Kontrolle beurteilt haben, können Sie besser feststellen, warum der Läufer einen bestimmten Laufstil angenommen hat oder ob sein Laufstil vielleicht sogar zu seinen Problemen mit der Beweglichkeit oder motorischen Kontrolle beiträgt.
Einige häufig anzutreffende Laufstile sind die folgenden:(15)
Durch eine gründliche Befragung zur Erfassung der Anamnese, eine umfassende körperliche Untersuchung zur Feststellung aller Defizite in der Mobilität und der motorischen Kontrolle sowie eine Analyse der Lauftechnik sollten Sie in der Lage sein, einen umfassenden Behandlungsplan zu erstellen. Dieser sollte alle Aspekte der Probleme des Läufers berücksichtigen, um sie ganzheitlich zu behandeln und eine langfristige Genesung sicherzustellen.
Das Ziel der Behandlungsplanung ist es, den Plan an die spezifischen Ergebnisse aus der Befunderhebung des Läufers anzupassen. Jeder Plan wird etwas anders aussehen und jeden Aspekt der Geschichte und Biomechanik des jeweiligen Läufers berücksichtigen.
In ihrem Kurs (15) schlagen Ari Kaplan und Doug Adams einen 5-teiligen Behandlungsplan vor, der die folgenden Aspekte berücksichtigt: Beweglichkeit, Stabilität, Laufübungen, Retraining der Lauftechnik und Flexibilität. Der Schwerpunkt auf jeden Bereich und innerhalb jedes Bereichs ist bei jedem Läufer unterschiedlich. Das Ziel ist es, anhand der Befunderhebung die Behandlung auf die spezifischen Aspekte zu richten, die mit den individuellen Problemen des Läufers zusammenhängen.
Ein dynamisches Aufwärmen ist ein wichtiger Bestandteil eines Trainingsprogramms. Dabei scheinen dynamische Dehnungen vor dem Training effektiver zu sein als statisches Dehnen, auch wenn die physiologischen Hintergründe dafür noch nicht ganz klar sind.(17) Manuelle Weichteiltechniken können auch als Teil des Aufwärmens eingebaut werden, da sie nachweislich die Beweglichkeit verbessern, ohne die Muskelaktivität zu beeinträchtigen.(18)
Statisches Dehnen, PNF und dynamisches Dehnen wirken sich alle positiv auf das artikuläre Bewegungsausmaß aus.(19) Statisches Dehnen und PNF können jedoch die unmittelbare Leistungsfähigkeit beeinträchtigen und sollten daher nicht Teil des Aufwärmens sein. Es wird empfohlen, diese Übungen entweder lange vor Beginn des Trainings oder nach Beendigung der Aktivität durchzuführen.(19)
Es gibt kein pauschales Beweglichkeitsprogramm für Läufer. Die Ergebnisse Ihrer Befunderhebung dienen als Grundlage für die Erstellung eines individuellen Trainingsplans.
Die Behandlung von Defiziten in der motorischen Kontrolle und Muskelkraft mittels eines Trainingsprogramms hat sich durchweg als wirksam erwiesen, um die Laufökonomie und Leistung von Mittel- und Langstreckenläufern zu verbessern.(20)
Während der Befunderhebung sollten eventuelle Defizite in der motorischen Kontrolle oder Kraft festgestellt werden, so dass ein individuelles Programm entwickelt werden kann, das auf die Bedürfnisse des Läufers eingeht.
Beweglichkeit und Stabilität sind wichtige Aspekte, die bei der Rehabilitation eines Läufers berücksichtigt werden müssen. Ein Beispiel für ein Programm zur Behandlung spezifischer Bewegungsdysfunktionen finden Sie hier.
Das Ziel von Laufübungen (Form Drills / Running Drills) bei der Rehabilitation eines Läufers ist es, das motorische Lernen zu verbessern und die Lauftechnik zu fördern. Laufübungen können dabei helfen, bestimmte Komponenten des Laufens zu isolieren und eine Veränderung der Bewegungsabläufe des Läufers zu ermöglichen.
Es gibt viele Laufübungen, die in einen Behandlungsplan integriert werden können. Dieser sollte jedoch immer, wie bereits erwähnt, auf die spezifischen Bedürfnisse des Läufers abgestimmt sein.
Einige Beispiele für Laufübungen (siehe Video unten):
Es hat sich gezeigt, dass ein Retraining der Lauftechnik die wichtigsten biomechanischen Faktoren, die mit Laufverletzungen in Verbindung gebracht werden, wie die Bodenreaktionskräfte, die Energieübertragung am Knie und Sprunggelenk sowie die Auslenkung des Massenschwerpunkts, wirksam beeinflussen kann.(21)(22)(23)(24) Ein Programm zum Retraining der Lauftechnik hat einen guten Übertragungseffekt, und die Veränderungen bleiben auch nach einem Monat noch bestehen.(22)(25)
Ein wichtiger Bestandteil des Retrainings der Lauftechnik ist die Berücksichtigung der Kadenz (Schrittfrequenz).
Laufgeschwindigkeit = Kadenz x Schrittlänge.
Es gibt zahlreiche Untersuchungen zur Kadenz und ihren Auswirkungen auf die Laufbiomechanik. Es gibt keine spezifische Kadenz, die sich als ideal erwiesen hat, jedoch zeigen Studien, dass bereits eine geringfügige Erhöhung der Kadenz bei konstanter Geschwindigkeit die Laufbiomechanik deutlich verbessern kann.(26)(25)(24) Eine Differenz von 10 % reicht bereits aus, um die auf das Knie einwirkenden Kräfte zu verändern,(26) ohne die Laufeffizienz zu beeinträchtigen.(25) Eine Erhöhung der Kadenz bei gleichbleibender Geschwindigkeit reduziert die Schrittlänge, die vertikale Oszillation, die Bodenreaktionskräfte, den Aufprallschock sowie die an Hüfte, Knie und Sprunggelenk absorbierte Energie.(26) All diese Faktoren sind wichtige biomechanische Komponenten, die zu Verletzungen der unteren Extremität bei Läufern beitragen, wie z. B. Tibiastressfrakturen und vorderer Knieschmerz.
Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass die meisten Studien zum Retraining der Lauftechnik an Personen ohne Verletzungen durchgeführt wurden.
Wichtiger Hinweis: Seien Sie besonders zurückhaltend bei der Veränderung der Biomechanik von Läufern (insbesondere von Hochleistungssportlern), wenn Sie darin unerfahren sind.(15)
Der Overstrider
Der Collapser
Der Bouncer
Der Weaver
Der mit der Glutealen Amnesie
Interventionen, die nach dem Laufen stattfinden und auf die Flexibilität abzielen, decken potenziell die gleichen Beweglichkeitsdefizite ab, die auch beim anfänglichen dynamischen Aufwärmen angesprochen wurden. Statisches Dehnen, PNF und dynamisches Dehnen wirken sich alle positiv auf das artikuläre Bewegungsausmaß aus. Nach dem Training können statische Dehnungen oder PNF eingebaut werden.(19)
Die Rehabilitation des Läufers unter Berücksichtigung der Laufbiomechanik ist ein komplexer Prozess, der eine umfassende Befunderhebung und anschließend eine detaillierte, auf die individuellen Befunde abgestimmte Behandlungsplanung erfordert.
Retraining der Lauftechnik für patellofemorale Schmerzen – SMA-Symposium mit Dr. Christian Barton
Retraining der Lauftechnik mit Richard Diaz