Das Pain and Movement Reasoning Model (etwa: „Denkmodell zu Schmerz und Bewegung“) wurde entwickelt, um das klinische Reasoning bzw. klinische Denken zu verbessern.(1) Es zielt darauf ab, „die Komplexität der menschlichen Schmerzerfahrung zu erfassen, indem es diese vielfältigen Dimensionen in einen Entscheidungsfindungsprozess einbezieht.“(2) Wie in Abbildung 1 dargestellt, umfasst dieses Modell drei Kategorien.
Kliniker verwenden das Modell, um die wichtigste Kategorie für jeden Patienten zu ermitteln. Einmal ermittelt, kann es helfen, die Behandlung zu steuern. Anhand des Modells können Kliniker auch erkennen, wann sich die Situation ändert und somit ein neuer / anderer Behandlungsansatz gewählt werden sollte.(2)
Das Pain and Movement Reasoning Model wurde zwar nicht spezifisch für patellofemorale Schmerzen entwickelt, doch kann die Theorie bei Patienten mit dieser Erkrankung wirksam angewendet werden.(4) Lokale Stimulationen bei patellofemoralen Schmerzen bestehen aus Faktoren wie Knochenödemen, Schwellungen des Fettpolsters, Erguss, ischämischen Veränderungen der Retinacula, Knochenkontusionen oder anderen lokalen Faktoren im Knie. Zu den regionalen Einflüssen gehören übermäßig pronierende Füße, ein antevertierter Oberschenkelhals oder eine schlechte Kontrolle der Hüftabduktion. Über die Rolle des zentralen Nervensystems gibt es jedoch nur wenige Forschungsergebnisse.
Die Auswirkungen psychosozialer Faktoren auf patellofemorale Schmerzen sind im Allgemeinen noch nicht ausreichend erforscht, sollten aber nicht außer Acht gelassen werden.(4)
Untersuchungen von Wride und Bannigan(6) zeigen wichtige Zusammenhänge zwischen Angst und Depression und patellofemoralen Schmerzen auf:
Smith et al.(8) führten eine qualitative Studie über die Erfahrung des Lebens mit patellofemoralen Schmerzen und dem damit verbundenen Gefühl des Verlusts, der Verwirrung und der Angst-Vermeidung durch. Der vollständige Artikel ist hier verfügbar: The experience of living with patellofemoral pain-loss, confusion and fear-avoidance: a UK qualitative study.
Viele Patienten mit patellofemoralen Schmerzen berichteten, dass sie einen Identitätsverlust und einen Rückgang ihrer sozialen Interaktionen erleben. Wenn eine Person beispielsweise aufgrund von patellofemoralen Schmerzen nicht mehr in der Lage ist, den Sport ihrer Wahl auszuüben, müssen wir bedenken, dass es nicht nur um die Aktivität / Sportart geht, an der sie plötzlich nicht mehr teilnehmen kann. Es können auch das Wohlbefinden und die soziale Interaktion verloren gehen, die der Sport normalerweise bietet.
Daher können patellofemorale Schmerzen weitreichende Auswirkungen haben, und die Überzeugungen einer Person in Bezug auf ihre Knieschmerzen können sie dazu veranlassen, ihre Lebensweise erheblich anzupassen.(4) Einige Betroffene haben beispielsweise berichtet, dass sie das Gefühl haben, ihre Berufswünsche(8) oder ihre Wohnungswahl ändern zu müssen.(4)
Die Patienten können mit dem Verständnis der Ursachen ihrer Knieschmerzen kämpfen, insbesondere wenn diese schleichend auftreten. Anders als bei einer traumatischen Verletzung gibt es bei schleichend einsetzenden Knieschmerzen kein spezifisches Ereignis, auf das die Schmerzen zurückgeführt werden können. Dies kann zu Ratlosigkeit, Verunsicherung und der falschen Annahme führen, dass Training oder Aktivität die Schmerzen verschlimmern.(8) Wenn ein Physiotherapeut dann eine auf Übungen basierende Behandlung verordnet, kann es sein, dass der Patient zögert und / oder sich nicht daran hält, weil er glaubt, dass Bewegung seine Schmerzen tatsächlich verursacht hat. Daher sollte der Patient über die Auswirkungen von Belastung, Wiederholungsvolumen, Aufwärmen, Abwärmen, Schuhwerk und die vielen anderen Aspekte aufgeklärt werden, die für das Verständnis von Bewegung wichtig sind.(4)
Als die Studienteilnehmer über Behandlungen oder Bewältigungsstrategien sprachen, konzentrierten sich viele auf Ruhe und Haltungsanpassungen, wie z. B. das Vermeiden der Knieflexion beim Sitzen. Sie waren auch der Meinung, dass passive Behandlungen wie Schmerzmittel und Stützbandagen von Vorteil wären.(8) Diese können zwar die Schmerzen vorübergehend lindern, sind aber langfristig nicht von Vorteil für den Patienten.(4)
Eine Studie von Selhorst et al.(9) gibt Aufschluss darüber, wie psychologisch orientierte Behandlungen für Jugendliche mit patellofemoralen Schmerzen von Nutzen sein können. Der Studiengruppe wurde ein Lehrvideo gezeigt, das sich auf schmerzbedingte Angst und Schmerzkatastrophisierung konzentrierte. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigte die Studiengruppe eine Verringerung der Werte für Kinesiophobie, Katastrophisierung und Schmerzen, sowohl unmittelbar als auch nach zwei Wochen. Dies unterstreicht die Bedeutung der Edukation bei patellofemoralen Schmerzen.
Bei Patienten mit patellofemoralen Schmerzen ist es auch wichtig, ihre Schlafmuster zu berücksichtigen, einschließlich der Schlafmenge und -dauer sowie der Schlafqualität. Bei der Untersuchung sollten wir Fragen stellen wie: „Wie oft wachen Sie nachts auf? Wie lange dauert es, bis Sie einschlafen können?“(4)
Untersuchungen von Bagheri et al.(10) haben gezeigt, dass sich bei Läuferinnen mit patellofemoralen Schmerzen die Schmerzintensität, die Katastrophisierung und die Kinesiophobie stärker verbesserten, wenn Achtsamkeit mit körperlichen Behandlungen kombiniert wurde. Achtsamkeit zielt darauf ab, das Bewusstsein für Gedanken, Empfindungen und Gefühle zu schärfen, und zwar mit einer Haltung der Akzeptanz, Neugier und Offenheit.(10) Der Schwerpunkt der Achtsamkeit liegt darauf, Stress zu reduzieren, die Kontrolle über die Situation zu übernehmen, die Kontrolle zu behalten und sich nicht zu sehr davon beunruhigen zu lassen.
Therapeuten in der Rehabilitation konzentrieren sich oft auf die Schmerzlinderung. Wenn ein Patient jedoch mit falschen Überzeugungen über seine Knieschmerzen aus der Behandlung entlassen wird, könnte er sein Angst-Vermeidungsverhalten fortsetzen und beim Sport Angst empfinden.(11) Daher ist es wichtig, sowohl psychosoziale als auch physische Faktoren zu berücksichtigen.
Die Tampa Scale of Kinesiophobia (TSK) kann bei patellofemoralen Schmerzen ein nützliches Maß sein.(4) Die TSK wurde erstmals 1990 von R. Miller, S. Kopri und D. Todd entwickelt. Es handelt sich um einen 17 Punkte umfassenden Selbstauskunftsfragebogen, der die Angst vor Bewegung, die Angst vor körperlicher Aktivität und die Angst-Vermeidung erfasst. Er wurde zunächst entwickelt, um bei Patienten mit chronischen muskuloskelettalen Schmerzen, insbesondere mit chronischen Kreuzschmerzen, zwischen „nicht-exzessiver Angst und Phobie“(12) zu unterscheiden. Mittlerweile wird es für verschiedene Körperteile verwendet.(12)
Links:
| Frage | Grund | Folge für die Behandlung |
| Dauer der Symptome? | Je länger die Dauer, desto wahrscheinlicher sind zentrale Schmerzveränderungen | Befunderhebung im Bezug auf zentrale Veränderungen |
| Beeinträchtigung der Schlafqualität? | Unterdrückte Serotoninproduktion (natürliches Schmerzmittel) bei schlechtem Schlaf | Empfehlen Sie, eine Routine wiederherzustellen;
Bewegung / Übung im schmerzfreien Bereich; Ängste durch Edukation abbauen |
| Veränderung des Bewegungsprofils? | Kann sich auf Schlaf, Stimmung, Selbstwertgefühl, soziale Interaktionen und Kondition auswirken | Erwägen Sie zunächst Übungsprogramme für nicht schmerzhafte Körperteile;
Edukation zur Minimierung der Angst-Vermeidung |
| Können Sie das Gefühl von Kleidung am Knie tolerieren, z. B. Skinny Jeans/Strumpfhosen? | Manche Patienten können das Gefühl von Stoff auf ihrem Knie nicht ertragen – dies ist ein deutliches Anzeichen für nicht-mechanische Schmerzen | Graded Exposure;
Möglicherweise ist eine medizinische Behandlung zur Desensibilisierung erforderlich |