Psychosoziale Überlegungen bei patellofemoralen Schmerzen

Originale Autorin Carin Hunter basierend auf dem Kurs von Claire Robertson
Top-BeitragendeCarin Hunter , Jess Bell und Kim Jackson

Pain and Movement Reasoning Model ( edit | edit source )

Abbildung 1. Pain and Movement Reasoning Model.

Das Pain and Movement Reasoning Model (etwa: „Denkmodell zu Schmerz und Bewegung“) wurde entwickelt, um das klinische Reasoning bzw. klinische Denken zu verbessern.(1) Es zielt darauf ab, „die Komplexität der menschlichen Schmerzerfahrung zu erfassen, indem es diese vielfältigen Dimensionen in einen Entscheidungsfindungsprozess einbezieht.“(2) Wie in Abbildung 1 dargestellt, umfasst dieses Modell drei Kategorien.

  1. Lokale Stimulation (2)(3)
    1. Biomechanische Stimulation
    2. Chemische Stimulation
  2. Regionale Einflüsse (2)(3)
    1. Kinetische Kette
    2. Patho-neuro-dynamische Prozesse
    3. Konvergenz
  3. Modulation des zentralen Nervensystems (2)(3)
    1. Länger andauernder afferenter Input
    2. Prädisponierende Faktoren
    3. Kognitiver – emotionaler – sozialer Zustand

Kliniker verwenden das Modell, um die wichtigste Kategorie für jeden Patienten zu ermitteln. Einmal ermittelt, kann es helfen, die Behandlung zu steuern. Anhand des Modells können Kliniker auch erkennen, wann sich die Situation ändert und somit ein neuer / anderer Behandlungsansatz gewählt werden sollte.(2)

Das Pain and Movement Reasoning Model wurde zwar nicht spezifisch für patellofemorale Schmerzen entwickelt, doch kann die Theorie bei Patienten mit dieser Erkrankung wirksam angewendet werden.(4) Lokale Stimulationen bei patellofemoralen Schmerzen bestehen aus Faktoren wie Knochenödemen, Schwellungen des Fettpolsters, Erguss, ischämischen Veränderungen der Retinacula, Knochenkontusionen oder anderen lokalen Faktoren im Knie. Zu den regionalen Einflüssen gehören übermäßig pronierende Füße, ein antevertierter Oberschenkelhals oder eine schlechte Kontrolle der Hüftabduktion. Über die Rolle des zentralen Nervensystems gibt es jedoch nur wenige Forschungsergebnisse.

(5)

Psychosoziale Faktoren und patellofemorale Schmerzen ( edit | edit source )

Die Auswirkungen psychosozialer Faktoren auf patellofemorale Schmerzen sind im Allgemeinen noch nicht ausreichend erforscht, sollten aber nicht außer Acht gelassen werden.(4)

Depressionen und Ängste ( edit | edit source )

Untersuchungen von Wride und Bannigan(6) zeigen wichtige Zusammenhänge zwischen Angst und Depression und patellofemoralen Schmerzen auf:

  1. Die Prävalenz von Ängsten und / oder Depressionen ist unter Personen mit patellofemoralen Schmerzen höher als in der Allgemeinbevölkerung(6)
  2. Die Prävalenz von Ängsten und / oder Depressionen ist bei jungen Frauen höher(6)
  3. Personen mit hohen Angstwerten waren mit größerer Wahrscheinlichkeit weiblich(6)
  4. Die Rate der patellofemoralen Schmerzen ist bei Frauen höher(7)

Verlust, Ratlosigkeit und Angst-Vermeidung in Verbindung mit patellofemoralen Schmerzen ( edit | edit source )

Smith et al.(8) führten eine qualitative Studie über die Erfahrung des Lebens mit patellofemoralen Schmerzen und dem damit verbundenen Gefühl des Verlusts, der Verwirrung und der Angst-Vermeidung durch. Der vollständige Artikel ist hier verfügbar: The experience of living with patellofemoral pain-loss, confusion and fear-avoidance: a UK qualitative study.

Viele Patienten mit patellofemoralen Schmerzen berichteten, dass sie einen Identitätsverlust und einen Rückgang ihrer sozialen Interaktionen erleben. Wenn eine Person beispielsweise aufgrund von patellofemoralen Schmerzen nicht mehr in der Lage ist, den Sport ihrer Wahl auszuüben, müssen wir bedenken, dass es nicht nur um die Aktivität / Sportart geht, an der sie plötzlich nicht mehr teilnehmen kann. Es können auch das Wohlbefinden und die soziale Interaktion verloren gehen, die der Sport normalerweise bietet.

Abbildung 2. Schmerzerfahrung.

Daher können patellofemorale Schmerzen weitreichende Auswirkungen haben, und die Überzeugungen einer Person in Bezug auf ihre Knieschmerzen können sie dazu veranlassen, ihre Lebensweise erheblich anzupassen.(4) Einige Betroffene haben beispielsweise berichtet, dass sie das Gefühl haben, ihre Berufswünsche(8) oder ihre Wohnungswahl ändern zu müssen.(4)

Die Patienten können mit dem Verständnis der Ursachen ihrer Knieschmerzen kämpfen, insbesondere wenn diese schleichend auftreten. Anders als bei einer traumatischen Verletzung gibt es bei schleichend einsetzenden Knieschmerzen kein spezifisches Ereignis, auf das die Schmerzen zurückgeführt werden können. Dies kann zu Ratlosigkeit, Verunsicherung und der falschen Annahme führen, dass Training oder Aktivität die Schmerzen verschlimmern.(8) Wenn ein Physiotherapeut dann eine auf Übungen basierende Behandlung verordnet, kann es sein, dass der Patient zögert und / oder sich nicht daran hält, weil er glaubt, dass Bewegung seine Schmerzen tatsächlich verursacht hat. Daher sollte der Patient über die Auswirkungen von Belastung, Wiederholungsvolumen, Aufwärmen, Abwärmen, Schuhwerk und die vielen anderen Aspekte aufgeklärt werden, die für das Verständnis von Bewegung wichtig sind.(4)

Als die Studienteilnehmer über Behandlungen oder Bewältigungsstrategien sprachen, konzentrierten sich viele auf Ruhe und Haltungsanpassungen, wie z. B. das Vermeiden der Knieflexion beim Sitzen. Sie waren auch der Meinung, dass passive Behandlungen wie Schmerzmittel und Stützbandagen von Vorteil wären.(8) Diese können zwar die Schmerzen vorübergehend lindern, sind aber langfristig nicht von Vorteil für den Patienten.(4)

Psychologisch orientierte Behandlungen ( edit | edit source )

Eine Studie von Selhorst et al.(9) gibt Aufschluss darüber, wie psychologisch orientierte Behandlungen für Jugendliche mit patellofemoralen Schmerzen von Nutzen sein können. Der Studiengruppe wurde ein Lehrvideo gezeigt, das sich auf schmerzbedingte Angst und Schmerzkatastrophisierung konzentrierte. Im Vergleich zur Kontrollgruppe zeigte die Studiengruppe eine Verringerung der Werte für Kinesiophobie, Katastrophisierung und Schmerzen, sowohl unmittelbar als auch nach zwei Wochen. Dies unterstreicht die Bedeutung der Edukation bei patellofemoralen Schmerzen.

Schlaf(edit | edit source)

Bei Patienten mit patellofemoralen Schmerzen ist es auch wichtig, ihre Schlafmuster zu berücksichtigen, einschließlich der Schlafmenge und -dauer sowie der Schlafqualität. Bei der Untersuchung sollten wir Fragen stellen wie: „Wie oft wachen Sie nachts auf? Wie lange dauert es, bis Sie einschlafen können?“(4)

Mindfulness(edit | edit source)

Untersuchungen von Bagheri et al.(10) haben gezeigt, dass sich bei Läuferinnen mit patellofemoralen Schmerzen die Schmerzintensität, die Katastrophisierung und die Kinesiophobie stärker verbesserten, wenn Achtsamkeit mit körperlichen Behandlungen kombiniert wurde. Achtsamkeit zielt darauf ab, das Bewusstsein für Gedanken, Empfindungen und Gefühle zu schärfen, und zwar mit einer Haltung der Akzeptanz, Neugier und Offenheit.(10) Der Schwerpunkt der Achtsamkeit liegt darauf, Stress zu reduzieren, die Kontrolle über die Situation zu übernehmen, die Kontrolle zu behalten und sich nicht zu sehr davon beunruhigen zu lassen.

Therapeuten in der Rehabilitation konzentrieren sich oft auf die Schmerzlinderung. Wenn ein Patient jedoch mit falschen Überzeugungen über seine Knieschmerzen aus der Behandlung entlassen wird, könnte er sein Angst-Vermeidungsverhalten fortsetzen und beim Sport Angst empfinden.(11) Daher ist es wichtig, sowohl psychosoziale als auch physische Faktoren zu berücksichtigen.

Tampa Scale of Kinesiophobia ( edit | edit source )

Die Tampa Scale of Kinesiophobia (TSK) kann bei patellofemoralen Schmerzen ein nützliches Maß sein.(4) Die TSK wurde erstmals 1990 von R. Miller, S. Kopri und D. Todd entwickelt. Es handelt sich um einen 17 Punkte umfassenden Selbstauskunftsfragebogen, der die Angst vor Bewegung, die Angst vor körperlicher Aktivität und die Angst-Vermeidung erfasst. Er wurde zunächst entwickelt, um bei Patienten mit chronischen muskuloskelettalen Schmerzen, insbesondere mit chronischen Kreuzschmerzen, zwischen „nicht-exzessiver Angst und Phobie“(12) zu unterscheiden. Mittlerweile wird es für verschiedene Körperteile verwendet.(12)

Links:

Umgang mit psychosozialen Faktoren ( edit | edit source )

Psychosoziale Faktoren ( edit | edit source )
  • Depressive Symptome(13)
  • Höhere Angstniveaus(13)
  • Angst-Vermeidung
  • Veränderungen des Lebensstils
  • Kinesiophobie(9)(10)
  • Katastrophisierung(9)(10)
Zu stellende Fragen ( edit | edit source )
Frage Grund Folge für die Behandlung
Dauer der Symptome? Je länger die Dauer, desto wahrscheinlicher sind zentrale Schmerzveränderungen Befunderhebung im Bezug auf zentrale Veränderungen
Beeinträchtigung der Schlafqualität? Unterdrückte Serotoninproduktion (natürliches Schmerzmittel) bei schlechtem Schlaf Empfehlen Sie, eine Routine wiederherzustellen;

Bewegung / Übung im schmerzfreien Bereich;

Ängste durch Edukation abbauen

Veränderung des Bewegungsprofils? Kann sich auf Schlaf, Stimmung, Selbstwertgefühl, soziale Interaktionen und Kondition auswirken Erwägen Sie zunächst Übungsprogramme für nicht schmerzhafte Körperteile;

Edukation zur Minimierung der Angst-Vermeidung

Können Sie das Gefühl von Kleidung am Knie tolerieren, z. B. Skinny Jeans/Strumpfhosen? Manche Patienten können das Gefühl von Stoff auf ihrem Knie nicht ertragen – dies ist ein deutliches Anzeichen für nicht-mechanische Schmerzen Graded Exposure;

Möglicherweise ist eine medizinische Behandlung zur Desensibilisierung erforderlich

Referenzen(edit | edit source)

  1. Jones LE, Heng H, Heywood S, Kent S, Amir LH. The suitability and utility of the pain and movement reasoning model for physiotherapy: A qualitative study. Physiother Theory Pract. 2021:1-14.
  2. 2.0 2.1 2.2 2.3 2.4 Jones LE, O’Shaughnessy DF. The pain and movement reasoning model: introduction to a simple tool for integrated pain assessment. Manual therapy. 2014 Jun 1;19(3):270-6.
  3. 3,0 3,1 3,2 O’Shaughnessy D, Jones LE. Making sense of pain in sports physiotherapy: applying the Pain and Movement Reasoning Model. A Comprehensive Guide to Sports Physiology and Injury Management: an interdisciplinary approach. 2020 Nov 13:107.
  4. 4.0 4.1 4.2 4.3 4.4 4.5 4.6 4.7 Robertson C. Psychosocial Considerations in Patellofemoral Pain Course. Plus. 2022.
  5. Claire Patella. Claire Patella top tips pain&reasoning model. Available from: https://www.youtube.com/watch?v=YuQALRxhVVo (last accessed 31/08/2022)
  6. 6.0 6.1 6.2 6.3 Wride J, Bannigan K. Investigating the prevalence of anxiety and depression in people living with patellofemoral pain in the UK: the Dep-Pf Study. Scandinavian Journal of Pain. 2019 Apr 1;19(2):375-82.
  7. Boling M, Padua D, Marshall S, Guskiewicz K, Pyne S, Beutler A. Gender differences in the incidence and prevalence of patellofemoral pain syndrome. Scandinavian journal of medicine & science in sports. 2010 Oct;20(5):725-30.
  8. 8.0 8.1 8.2 8.3 Smith BE, Moffatt F, Hendrick P, Bateman M, Rathleff MS, Selfe J, et al. The experience of living with patellofemoral pain-loss, confusion and fear-avoidance: a UK qualitative study. BMJ Open. 2018;8(1):e018624.
  9. 9.0 9.1 9.2 Selhorst M, Fernandez-Fernandez A, Schmitt L, Hoehn J. Effect of a Psychologically Informed Intervention to Treat Adolescents With Patellofemoral Pain: A Randomized Controlled Trial. Archives of Physical Medicine and Rehabilitation. 2021 Jul 1;102(7):1267-73.
  10. 10.0 10.1 10.2 10.3 Bagheri S, Naderi A, Mirali S, Calmeiro L, Brewer BW. Adding mindfulness practice to exercise therapy for female recreational runners with patellofemoral pain: A randomized controlled trial. Journal of Athletic Training. 2021 Aug 1;56(8):902-11.
  11. Smith IV BN. Resiliency, Generalized Self-Efficacy and Mindfulness as Moderators of the Relationship between Stress and both Life Satisfaction and Depression among College Students: An Investigation of the Resilience Process. 2017.
  12. 12.0 12.1 Hudes K. The Tampa Scale of Kinesiophobia and neck pain, disability and range of motion: a narrative review of the literature. The Journal of the Canadian Chiropractic Association. 2011 Sep;55(3):222.
  13. 13.0 13.1 Alabajos-Cea A, Herrero-Manley L, Suso-Martí L, Alonso-Pérez-Barquero J, Viosca-Herrero E. Are psychosocial factors determinant in the pain and social participation of patients with early knee osteoarthritis? A Cross-Sectional Study. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2021 Apr 26;18(9):4575.


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