Physiotherapeutische Interventionen in der Neonatologie

Originale Autorin Robin Tacchetti basierend auf dem Kurs von Krista Eskay
Top-BeitragendeRobin Tacchetti und Jess Bell

Einleitung(edit | edit source)

Kinder, die in eine Neugeborenen-Intensivstation (NICU) eingewiesen werden müssen, gelten aufgrund ihrer Frühgeburtlichkeit und/oder ihres schweren Gesundheitszustands als gefährdet.(1)(2) Im letzten Schwangerschaftsdrittel (3. Trimester) kommt es zu einer raschen Gehirnentwicklung und zu neuroplastischen Veränderungen. Da die meisten Säuglinge auf der Neugeborenen-Intensivstation zwischen der 22. und der 40. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren wurden,(3) findet diese Entwicklung bei ihnen also außerhalb des Mutterleibs statt. Eine Frühgeburt kann die genetisch programmierten Muster der Gehirnentwicklung stören, was zu Beeinträchtigungen der neurologischen Entwicklung wie motorischen Funktionsstörungen sowie Verhaltens- und kognitiven Problemen führen kann.(2) Die Reizüberflutung auf der Neugeborenen-Intensivstation (Monitore, Licht, Positionswechsel, mehrfaches Handling) und der Entzug von Herzschlag und Stimme der Mutter können die Gehirnreifung negativ beeinflussen.(4)(3) Das Ziel der Physiotherapie auf der Neugeborenen-Intensivstation ist es, diese negativen neuroplastischen Veränderungen durch beruhigende Strategien und Bewegungen, die die intrauterine Umgebung simulieren, zu verringern.(4)

Interventionen bei Neugeborenen ( edit | edit source )

Die Frühintervention auf der Neo-Intensiv kann die Neuroplastizität und die Reorganisation des Gehirns bei Frühgeborenen verändern.(2) Die Theorie der Therapie bei Neugeborenen beruht auf drei Säulen:(3)

  1. das neugeborene Gehirn zu schützen
  2. die Umwelt zu optimieren
  3. die Familie zu unterstützen(3)

Die Interventionen sind individuell und hochspezialisiert und zielen darauf ab, die Entwicklung zu fördern, negative Folgen zu verhindern und die Bindung zwischen Kind und Familie zu stärken. Die Forschung zeigt, dass Interventionen, bei denen die Eltern einbezogen werden, signifikante und dauerhafte Auswirkungen auf das Verhalten und die kognitiven Ergebnisse von Kleinkindern haben.(2) Ein weiterer Vorteil ist, dass die Eltern weniger ängstlich sind und mehr Vertrauen in die neonatale Situation haben.(3)

In den folgenden Abschnitten werden verschiedene Maßnahmen auf der Neo-Intensiv erörtert.

Känguru-Methode ( edit | edit source )

Ein häufig genutzter Ansatz auf der Neo-Intensiv zur Förderung der Mutter-Kind-Bindung ist die Känguru-Methode, auch bekannt als „Haut-zu-Haut-Kontakt“ oder „Känguruhen“. Der direkte Kontakt wird hergestellt, indem das Baby bis auf die Windel entkleidet und in Bauchlage auf die Brust der Mutter gelegt wird. Es wurde festgestellt, dass die Känguru-Methode neuroprotektiv sein kann, da sie die Plastizität des Gehirns unterstützt.(5)

Nicht-nutritives Saugen/Schlucken ( edit | edit source )

Eine der wichtigsten funktionellen Aktivitäten auf der Neo-Intensiv, die von Physiotherapeuten und anderen Betreuern unterstützt werden sollte, ist das Saugen und Schlucken. Das nicht-nutritive Saugen bietet eine taktile Stimulation der intraoralen Strukturen und der Gesichtsmuskeln durch einen Schnuller oder einen Finger im Handschuh. Die Forschung zeigt, dass nicht-nutritives Saugen dazu beitragen kann, die Dauer des Krankenhausaufenthalts zu verkürzen und das Fütterungsverhalten zu verbessern.(5)

Lagerung und Positionierung(edit | edit source)

Die entwicklungsfördernde Lagerung von Säuglingen auf der Neugeborenen-Intensivstation unterstützt die normale Ausrichtung des Skeletts und bietet Möglichkeiten für normale Bewegungsmuster.(6) Darüber hinaus kann die Lagerung die Hautpflege und die Atemfunktion unterstützen. Die Kombination dieser drei Vorteile kann dem Kind einen besseren und längeren Schlaf ermöglichen.(5) Forschungsergebnisse zeigen, dass bei Säuglingen, die lange auf der Neugeborenen-Intensivstation liegen und nicht angemessen positioniert werden, ein Risiko für lagerungsbedingte Plagiozephalie (LP) und Schiefhals (Torticollis) besteht und dass die Qualität und Spontaneität der Bewegungen abnehmen kann.(5)(6)

Passives Bewegen ( edit | edit source )

Passive Bewegungsübungen können sich positiv auf die Knochenentwicklung auswirken, insbesondere wenn sie an den proximalen Gelenken des Säuglings durchgeführt werden. In der Literatur wird darauf hingewiesen, dass Übungen bei Frühgeborenen zu einer geringen, vorübergehenden Steigerung der Gewichtszunahme und der Knochendichte führen können.(5)

Massage(edit | edit source)

Die Säuglingsmassage (d. h. sanfter und langsamer Handkontakt) ist ein Ansatz der Frühförderung, um den Tastsinn des Neugeborenen zu unterstützen. Es gibt Evidenz dafür, dass Massage das Wachstum und die Gewichtszunahme von Babys mit niedrigem Geburtsgewicht und Frühgeborenen fördern und die Dauer des Krankenhausaufenthalts verkürzen kann,(5) den neonatalen Stress reduziert(7) und den Schlaf fördert.(8) Eine Forschungsarbeit von Lu et al.(9) hat festgestellt, dass eine Massagetherapie mit moderatem Druck bei Frühgeborenen zu einer größeren täglichen Gewichtszunahme führen kann als eine Massagetherapie mit leichtem Druck.

Edukation der Familie ( edit | edit source )

Die Edukation der Familien ist ein wesentlicher Bestandteil der Interventionen bei der Versorgung auf der neonatologischen Intensivstation. Understanding how to care for the preterm infant is important for posture and movement development, parent-infant attachment and maintaining the baby’s physiological stability. Die Beratung der Familie über die bestmögliche Förderung der motorischen Entwicklung des Kindes sollte folgende Themen umfassen:

  • Fütterung
  • An- und Ausziehen
  • Schlafpositionierung
  • Spielen
  • Kommunikation
  • Handling inkl. Halten und Tragen

** Das Training kann in Form von mündlichen Informationen, Videokommentaren und/oder schriftlichen Quellen erfolgen.(5)

Umwelt(edit | edit source)

Die Entwicklungsfördernde Pflege auf der Neugeborenen-Intensivstation beinhalten häufig Techniken zur Reduzierung der Folgen negativer Reize wie übermäßiges Licht, Lärm usw. Richtlinien, die speziell auf diese Stressoren ausgerichtet sind, tragen zur physiologischen Stabilität bei.(6)

Beleuchtung(edit | edit source)

Auf der Neo-Intensiv gelten die folgenden Beleuchtungsempfehlungen:

  • Der Inkubatorbereich, in dem sich das Baby befindet, sollte keinem direkten Licht ausgesetzt werden (außer während Prozeduren)
  • Verwenden Sie eine Inkubatorabdeckung, eine Decke oder einen Deckel, um die direkte Lichteinwirkung zu verringern
  • Säuglinge, die eine Phototherapie benötigen, sollten Augenmasken tragen
  • Niedrige Einstellungen bei Nacht, damit das Umgebungslicht dem Tag-Nacht-Zyklus folgt(5)

** Evidenz zeigt, dass die Einführung von robusten Hell-Dunkel-Zyklen positive Auswirkungen auf die Hospitalisierungszeit und die Gewichtszunahme hat, verglichen mit Säuglingen, die einer konstanten Beinahe-Dunkelheit oder konstantem Licht ausgesetzt sind.(10)

Geräusche(edit | edit source)

Auf Neugeborenen-Intensivstationen kommt es häufig zu störenden kurzen und in unregelmäßigen Abständen auftretenden Geräuschen.(11) Um diese Störungen zu verringern, gelten auf der Neo-Intensiv folgende Empfehlungen im Bezug auf die Lärmbelastung:

  • Der ideale Geräuschpegel im Bereich, wo sich das Kind aufhält, sollte nicht höher als 45 Dezibel (dB) sein
  • Vorübergehende Lärmerhöhungen sollten 65 dB nicht überschreiten(12)

** In der Frühgeborenenpopulation erleiden 2-10 % der Säuglinge einen Hörschaden, im Vergleich zu 0,1 % in der allgemeinen pädiatrischen Population.(13)

Temperatur(edit | edit source)

Die Temperaturempfehlungen für die Neo-Intensiv sind nachstehend aufgeführt:

  • Die ideale Raumtemperatur auf der Neugeborenen-Intensivstation beträgt 21-24 °C.
  • Ideale Inkubatortemperaturen in den ersten 24 Stunden nach der Geburt: 32,4± 1,5 bis 35,0± 0,5 °C
  • Ideale Inkubatortemperaturen zwischen den Tagen 5-14: 33,5±0,5 und 32,0± 1,5 °C
  • Die ideale Luftfeuchtigkeit in einem Inkubator beträgt in den ersten 7 Tagen nach der Geburt 70 %.
    • Je nach Fähigkeit des Säuglings, seine Körpertemperatur zu regulieren, kann diese auf 40 % reduziert werden
    • Kann je nach der Fähigkeit des Babys, die Temperatur aufrechtzuerhalten, nach 21 Tagen beendet werden(5)

Schmerzen(edit | edit source)

Säuglinge werden auf der Neugeborenen-Intensivstation mit schädlichen Reizen konfrontiert. Eine Verringerung der Schmerzreaktion durch die Bereitstellung von sensorischer Stimulation kann auf verschiedene Weise erreicht werden:

  1. Wickeln (Swaddling)
  2. Nicht-nutritives Saugen
  3. Taktile Komfortmaßnahmen
    1. Sanftes Klopfen auf den Po
    2. Sanftes Schaukeln
  4. Förderung der physiologischen Flexion(14)

**Dieses Video des KK and Women’s Hospital zeigt eine kurze Zusammenfassung verschiedener Interventionen auf der Neugeborenen-Intensivstation:

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. Craig JW, Smith CR. Risk-adjusted/neuroprotective care services in the NICU: the elemental role of the neonatal therapist (OT, PT, SLP). Journal of Perinatology. 2020 Apr;40(4):549-59.
  2. 2.0 2.1 2.2 2.3 Øberg GK, Girolami GL, Campbell SK, Ustad T, Heuch I, Jacobsen BK, Kaaresen PI, Aulie VS, Jørgensen L. Effects of a Parent-Administered Exercise Program in the Neonatal Intensive Care Unit: Dose Does Matter—A Randomized Controlled Trial. Physical Therapy. 2020 May 18;100(5):860-9.
  3. 3.0 3.1 3.2 3.3 3.4 Khurana S, Kane AE, Brown SE, Tarver T, Dusing SC. Effect of neonatal therapy on the motor, cognitive, and behavioral development of infants born preterm: a systematic review. Developmental Medicine & Child Neurology. 2020 Jun;62(6):684-92.
  4. 4.0 4.1 Haslbeck FB, Bassler D. Clinical practice protocol of creative music therapy for preterm infants and their parents in the neonatal intensive care unit. JoVE (Journal of Visualized Experiments). 2020 Jan 7(155):e60412.
  5. 5.0 5.1 5.2 5.3 5.4 5.5 5.6 5.7 5.8 Doğan İE, Balcı NÇ, Gündüz AG. Physiotherapy and Rehabilitation Approaches to Premature Infants in Neonatal Intensive Care Units. Journal of Physical Medicine Rehabilitation Studies & Reports. SRC/JPMRS/168. DOI: doi. org/10.47363/JPMRS/2021 (4). 2022;150:2-5.
  6. 6.0 6.1 6.2 Sweeney JK, Heriza CB, Blanchard Y, Dusing SC. Neonatal physical therapy. Part II: Practice frameworks and evidence-based practice guidelines. Pediatric Physical Therapy. 2010 Apr 1;22(1):2-16.
  7. Álvarez MJ, Fernández D, Gómez-Salgado J, Rodríguez-González D, Rosón M, Lapeña S. The effects of massage therapy in hospitalized preterm neonates: A systematic review. Int J Nurs Stud. 2017 Apr;69:119-36.
  8. Firmino C, Rodrigues M, Franco S, Ferreira J, Simões AR, Castro C, et al. Nursing interventions that promote sleep in preterm newborns in the neonatal intensive care units: an integrative review. International Journal of Environmental Research and Public Health. 2022; 19(17):10953.
  9. Lu LC, Lan SH, Hsieh YP, Lin LY, Chen JC, Lan SJ. Massage therapy for weight gain in preterm neonates: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Complementary Therapies in Clinical Practice. 2020 May 1;39:101168.
  10. Hazelhoff EM, Dudink J, Meijer JH, Kervezee L. Beginning to see the light: lessons learned from the development of the circadian system for optimizing light conditions in the neonatal intensive care unit. Frontiers in Neuroscience. 2021 Mar 18;15:634034.
  11. Almadhoob A, Ohlsson A. Sound reduction management in the neonatal intensive care unit for preterm or very low birth weight infants. Cochrane Database of Systematic Reviews. 2015(1).
  12. Casavant SG, Bernier K, Andrews S, Bourgoin A. Noise in the neonatal intensive care unit: what does the evidence tell us?. Advances in Neonatal Care. 2017 Aug 1;17(4):265-73.
  13. Bertsch M, Reuter C, Czedik-Eysenberg I, Berger A, Olischar M, Bartha-Doering L, Giordano V. The “Sound of Silence” in a Neonatal Intensive Care Unit—Listening to Speech and Music Inside an Incubator. Frontiers in psychology. 2020 May 26;11:1055.
  14. Eskay, K. Neonatal Physiotherapy Intervention. Plus. 2023


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