Zervikogene Kopfschmerzen – Einführung

Einführung(edit | edit source)

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Kopfschmerzen haben eine hohe Prävalenz und gehen mit einer erheblichen Krankheitslast für den Einzelnen und die Gesellschaft einher. Laut der Global Burden of Disease Study stehen Kopfschmerzerkrankungen bei Menschen unter 50 Jahren an dritter Stelle der Erkrankungen mit der größten Beeinträchtigung für die Betroffenen.(1)

Die weltweite Prävalenz aktiver Kopfschmerzerkrankungen in Ländern mit hohem Einkommen beträgt 52,0 %.(2) Zwischen 1,7 und 4 Prozent der erwachsenen Weltbevölkerung geben an, an 15 oder mehr Tagen im Monat unter Kopfschmerzen zu leiden.(3) Obwohl es regionale Unterschiede gibt, sind Menschen aller Altersgruppen, Ethnien, sozioökonomischer Hintergründe und geografischer Gebiete von Kopfschmerzen betroffen.(3) Die höchsten Raten für Kopfschmerzen finden sich in Nordamerika, wo 85 bis 90 Prozent der Menschen angeben, schon einmal unter Kopfschmerzen gelitten zu haben.(4)

Es gibt viele verschiedene Arten von Kopfschmerzen, auf die hier näher eingegangen wird.

Kopfschmerzen werden in drei Hauptkategorien eingeteilt:(5)

  1. Primäre Kopfschmerzerkrankungen (z. B. Migräne, Kopfschmerzen vom Spannungstyp und trigeminoautonome Kopfschmerzerkrankungen, einschließlich Clusterkopfschmerzen)
  2. Sekundäre Kopfschmerzerkrankungen (z. B. zervikogener Kopfschmerz)
  3. Kraniale Neuralgien, zentraler und primärer Gesichtsschmerz und andere Kopfschmerzen

Kopfschmerz vom Spannungstyp ( edit | edit source )

Der Kopfschmerz vom Spannungstyp (Spannungskopfschmerz, „tension-type headache“ – TTH) ist die häufigste neurologische Erkrankung. Diese Störung ist gekennzeichnet durch wiederkehrende beidseitige Kopfschmerzen von leichter bis mittlerer Intensität, die sich bei körperlicher Routineaktivität nicht verändern.(6) Die Lebenszeitprävalenz in der Allgemeinbevölkerung liegt zwischen 30 und 78 Prozent.(5)

Die Ursache von Spannungskopfschmerzen ist nicht bekannt, aber es wird angenommen, dass beim episodischen Kopfschmerz vom Spannungstyp periphere Schmerzmechanismen eine Rolle spielen, während beim chronischen Kopfschmerz vom Spannungstyp zentrale Schmerzmechanismen beteiligt sind.(5)

Die ICHD-3 stellt fest, dass „perikraniale Schmerzempfindlichkeit leicht durch manuelle Palpation festgestellt und aufgezeichnet werden kann“.

Weitere Informationen über Kopfschmerzen vom Spannungstyp finden Sie hier.

Migräne(edit | edit source)

Migräne hat ebenfalls eine hohe Prävalenz und stellt auch eine hohe sozioökonomische und persönliche Belastung dar.(5)

Es gibt zwei Haupttypen von Migräne:

  1. Migräne mit Aura
  2. Migräne ohne Aura

Weitere Informationen zur Migräne finden Sie hier.

Andere schwerwiegendere Ursachen für Kopfschmerzen sind:(7) ( edit | edit source )

Primäre Kopfschmerzen und schwerwiegende Ursachen von Kopfschmerzen werden im folgenden Video erklärt.

(8)

Zervikogener Kopfschmerz ( edit | edit source )

Muscles of the cervical region intermediate muscles Primal.png

Der zervikogene Kopfschmerz (ZKS) ist ein chronischer sekundärer Kopfschmerz, der seinen Ursprung in der Halswirbelsäule hat.(9) 2,5 bis 4,1 Prozent der Allgemeinbevölkerung sind davon betroffen.(4) Unter allen Fällen von Kopfschmerzen machen zervikogene Kopfschmerzen 15 bis 20 Prozent aus.(9)(10) Es gibt Evidenz dafür, dass sie sich ähnlich stark auf die Lebensqualität auswirken wie Migräne und episodischer Kopfschmerz vom Spannungstyp.(9)

Die ICHD-3 beschreibt den zervikogenen Kopfschmerz als „Kopfschmerz, der durch eine Störung in der Halswirbelsäule und der zu ihr gehörigen Knochen-, Wirbel- und/oder Weichteilgewebe-Komponenten verursacht wird, gewöhnlich, jedoch nicht unweigerlich begleitet von Nackenschmerzen„.(5) Die vollständigen diagnostischen Kriterien finden Sie hier.

Der zervikogene Kopfschmerz beginnt im Nacken oder in der Okzipitalregion und kann das Gesicht und den Kopf mit einbeziehen. Die spezifischen Quellen von zervikogenen Kopfschmerzen sind alle Strukturen, die von den Nervenwurzeln C1 bis C3 innerviert werden, einschließlich:(11)

Trigeminal Nerve.png

Die Übertragung von Schmerzen vom Nacken auf den Kopf lässt sich durch die Konvergenz der Afferenzen des N. trigeminus und der zervikalen Afferenzen der oberen drei zervikalen Spinalnerven erklären.(9)(11)(12).

  • Die Pars caudalis des Nucleus trigeminus reicht kaudal bis zur Höhe C3 oder sogar C4. Dieser Nucleus grenzt an die graue Substanz des dorsalen Horns der Wirbelsäule (d.h. an den Nucleus trigeminocervicalis)
  • Die Interneuronen im Nucleus trigeminocervicalis ermöglichen den Austausch von sensorischen Informationen zwischen den oberen zervikalen Spinalnerven und dem N. trigeminus
  • Durch diesen Austausch können nozizeptive Signale von der oberen Halswirbelsäule an die vom N. trigeminus versorgten Bereiche im Kopf und im Gesicht übertragen werden(11)

Die meisten dieser nozizeptiven Informationen werden über die Fasern des N. ophthalmicus des N. trigeminus (Hirnnerv V) ausgetauscht. Schmerzen, die in der Halswirbelsäule entstehen, übertragen sich daher höchstwahrscheinlich auf die Schläfe, die Augenhöhle und die Stirn.(11)

Ein gewisser Austausch von sensorischen Informationen findet auch über die Fasern des N. maxillaris des N. trigeminus statt, so dass Schmerzen, die in der oberen Halswirbelsäule entstehen, auch auf das Gesicht projiziert werden können.

Die Nackenmuskulatur kann auch Schmerzen auf den Kopf und das Gesicht übertragen.(11)

(13)

Unterscheidung von Kopfschmerzarten ( edit | edit source )

Trotz klarer Kriterien zur Klassifikation des zervikogenen Kopfschmerzes ist es schwierig, diese Erkrankung zu diagnostizieren.(9) Die folgenden Punkte können bei der Unterscheidung zwischen Migräne, Kopfschmerz vom Spannungstyp und zervikogenem Kopfschmerz hilfreich sein.(7)

Lokalisation(edit | edit source)

  • Zervikogene Kopfschmerzen sind in der Regel unilateral. Die Schmerzen treten häufiger in der subokzipitalen Region auf,(14) obwohl sie auch auf die orbitale und frontale Region projiziert werden können.(7)
  • Migränekopfschmerzen sind ebenfalls meist unilateral,(15) können sich aber von einer Seite zur anderen verlagern.(7) Die Schmerzen treten dabei häufiger in der Frontal- und Temporalregion auf,(14) obwohl sie auch orbital lokalisiert sein können.(7) Dies bedeutet, dass es eine gewisse Überschneidung mit zervikogenen Kopfschmerzen gibt.
  • Kopfschmerzen vom Spannungstyp sind eher diffus und werden oft als „drückend wie ein Stirnband“ beschrieben. Sie beginnen meist in der Schläfenregion (temporal).(7)(16)(17)

Schmerzcharakter ( edit | edit source )

  • Zervikogene Kopfschmerzen sind eher nicht pulsierend und beginnen oft im Nacken.(7)
  • Kopfschmerzen vom Spannungstyp werden als drückende oder beengende Schmerzen von leichter bis mittlerer Intensität beschrieben.(17)
  • Migräne wird als ein pulsierender Kopfschmerz beschrieben.(15)

Auslöser(edit | edit source)

Zervikogene Kopfschmerzen werden durch Bewegungen der HWS ausgelöst.(18) Kopfschmerzen vom Spannungstyp und Migräne haben mehrere Auslöser, stehen aber in der Regel nicht im Zusammenhang mit zervikalen Bewegungen.(7)

Zusätzliche Symptome ( edit | edit source )

Bei Patienten mit zervikogenen Kopfschmerzen ist die Beweglichkeit der Halswirbelsäule eher eingeschränkt.(7) Kopfschmerzen vom Spannungstyp und Migräne können mit Licht- und Geräuschempfindlichkeit (d.h. Photophobie und Phonophobie) einhergehen.(17) Migräne kann auch zusätzliche Symptome wie Übelkeit und Erbrechen sowie visuelle Veränderungen (Aura) aufweisen und kann sich durch Aktivität verschlimmern.(5)

Die folgende Tabelle gibt einen Überblick über diese Punkte.(7)

Cervicogenic Headache Kopfschmerz vom Spannungstyp Migräne
Lokalisation Unilateral; Okzipital, orbital oder frontal Diffus; Kann sich wie ein Stirnband anfühlen Unilateral, Seitenwechsel möglich; Frontal, orbital, temporal
Schmerzcharakter Nicht pulsierend, beginnt meist im Nacken Dumpf oder beengend, Druck Pochend, pulsierend
Auslöser Bewegungen der Halswirbelsäule Mehrere Mehrere
Zusätzliche Symptome Eingeschränktes Bewegungsausmaß der HWS Photophobie, Phonophobie Übelkeit, Erbrechen. Sehveränderungen (Aura), Photophobie, Phonophobie

(7)

Schwierigkeiten bei der Diagnose ( edit | edit source )

Obwohl es klare Klassifikationssysteme für Kopfschmerzen gibt, wird vermutet, dass in bis zu 50 Prozent der Fälle eine fehlerhafte Kopfschmerzdiagnose gestellt werden kann.(7)(19)

In einigen Fällen können Patienten mit einer bestimmten Kopfschmerzart (z.B. Migräne oder Kopfschmerz vom Spannungstyp) diagnostiziert werden, aber auch Merkmale eines zervikogenen Kopfschmerzes aufweisen. Kopfschmerzen schließen sich also nicht immer gegenseitig aus.(7) Kopfschmerzen vom Spannungstyp können gelegentlich auch eine zervikale Komponente aufweisen.(7) Und sowohl Migräne als auch Kopfschmerzen vom Spannungstyp sind häufig mit Nackenschmerzen verbunden (aufgrund der Konvergenz der zervikalen und trigeminalen nozizeptiven Afferenzen im trigeminozervikalen Komplex, wie oben beschrieben).(12)

Die Diagnose des zervikogenen Kopfschmerzes wird hier ausführlicher behandelt.

Red Flags ( edit | edit source )

Bestimmte „Red Flag“-Erkrankungen können mit Kopfschmerzen in Verbindung gebracht werden, darunter:(7)

Weitere Red Flags sind:(20)

  • Plötzliches Auftreten von neuen, starken Kopfschmerzen
  • Verschlimmerung eines vorbestehenden Kopfschmerzes, der ohne offensichtliche prädisponierende Faktoren auftritt
  • Kopfschmerzen, die mit Fieber, Nackensteifigkeit, Hautausschlag und einer Vorgeschichte von Krebs, HIV oder einer anderen systemischen Erkrankung einhergehen
  • Kopfschmerz in Verbindung mit anderen fokalen neurologischen Symptomen als einer typischen Aura
  • Mäßige oder starke Kopfschmerzen, die durch Husten, Anstrengung oder Belastung verursacht werden
  • Neuauftreten von Kopfschmerzen während oder nach der Schwangerschaft

Red Flags in Bezug auf Kopfschmerzen und Schwindel werden hier ausführlicher behandelt.

Wenn Red Flags vorhanden sind, ist eine medizinische Untersuchung erforderlich.

(21)

Zusammenfassung(edit | edit source)

  • Kopfschmerzerkrankungen sind weit verbreitet und führen zu erheblichen Beeinträchtigungen
  • Es gibt viele verschiedene Arten von Kopfschmerzen. Einige können auf eine physiotherapeutische Behandlung ansprechen, insbesondere solche, die von der Halswirbelsäule ausgehen.
  • Die Klassifikation und Diagnose von Kopfschmerzen kann schwierig sein, obwohl es Klassifikationssysteme gibt
  • Vor der Behandlung müssen „Red Flag“-Erkrankungen in Betracht gezogen und solche Zeichen und Symptome ausgeschlossen werden

Weitere Informationen zur Befunderhebung und Behandlung von zervikogenen Kopfschmerzen finden Sie hier.

Weitere Informationen über Kopfschmerzen finden Sie hier und hier.

Referenzen(edit | edit source)

  1. Stovner LJ, Nichols E, Steiner T, Abd-Allah F, Abdelalim A, Al-Raddadi R et al. Global, regional, and national burden of migraine and tension-type headache, 1990–2016: a systematic analysis for the Global Burden of Disease Study 2016. The Lancet Neurology. 2018; 17(11): 954-76.
  2. Stovner LJ, Hagen K, Linde M, Steiner TJ. The global prevalence of headache: an update, with analysis of the influences of methodological factors on prevalence estimates. J Headache Pain. 2022 Apr 12;23(1):34.
  3. 3.0 3.1 World Health Organisation. Headache disorders. Available from: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/headache-disorders (accessed 1/12/2020).
  4. 4.0 4.1 Stovner Lj, Hagen K, Jensen R, Katsarava Z, Lipton R, Scher A et al. The global burden of headache: a documentation of headache prevalence and disability worldwide. Cephalalgia. 2007; 27(3):193-210.
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  7. 7.00 7.01 7.02 7.03 7.04 7.05 7.06 7.07 7.08 7.09 7.10 7.11 7.12 7.13 7.14 7.15 Kaplan A. Introduction to Cervicogenic Headache Course. Plus , 2020.
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