Grundbegriffe in der Neonatologie und frühkindliche Reflexe

Originale Autorin Robin Tacchetti basierend auf dem Kurs von Krista Eskay
Top-BeitragendeRobin Tacchetti und Jess Bell

Einführung(edit | edit source)

Jedes Jahr kommen schätzungsweise 15 Millionen Babys zu früh zur Welt. Babys, die vor der 37. Schwangerschaftswoche (SSW) geboren werden, gelten als Frühgeborene. Je nach Gestationsalter lassen sich Frühgeborene in drei Unterkategorien einteilen:

  1. 32-37 Wochen: Späte Frühgeborene
  2. 28-32 Wochen: Sehr frühe Frühgeborene
  3. weniger als 28 Wochen: Extrem frühe Frühgeborene

Zu den Komplikationen einer Frühgeburt gehören Tod, Behinderung, Lernschwierigkeiten sowie Seh- und Hörprobleme. Die Hälfte der Babys, die in oder vor der 32. Woche in Ländern mit niedrigem Einkommen geboren werden, stirbt, während in Ländern mit hohem Einkommen fast alle Babys überleben. In Ländern mit mittlerem Einkommen erhöht der suboptimale Einsatz von Technologie die Behinderungslast für Frühgeborene, die überleben.(1)

Oftmals treten Frühgeburten spontan auf. Die Gründe für eine Frühgeburt lassen sich möglicherweise nicht feststellen, aber einige der bekannten Ursachen sind Infektionen, Mehrlingsschwangerschaften, Diabetes mellitus, Bluthochdruck und genetische Faktoren.(1)

Niedriges Geburtsgewicht (edit | edit source)

Babys mit einem Geburtsgewicht von weniger als 2,5 kg gelten als Säuglinge mit niedrigem Geburtsgewicht (Low Birth Weight, LBW). Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation werden in einem einzigen Jahr 20,5 Millionen Lebendgeburten als niedriges Geburtsgewicht eingestuft. Die Mehrheit dieser Geburten (91 %) stammt aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Frühgeborene und Babys mit niedrigem Geburtsgewicht haben ein 2-10 mal höheres Sterberisiko. Sie haben auch ein erhöhtes Risiko für Komplikationen, darunter:(2)

  • Komplikationen der Atemwege
  • Schwierigkeiten bei der Nahrungsaufnahme
  • Wachstumsstörungen
  • schlechte Regulierung der Körpertemperatur
  • Infektion
  • Entwicklungsstörungen (einschließlich Zerebralparese)
  • langfristig chronische Erkrankungen im Erwachsenenalter (Herz-Kreislauf-Erkrankungen)

** Zu den Faktoren, die das Geburtsgewicht beeinflussen können, gehören die ethnische Zugehörigkeit, das Alter der Mutter, die Gesundheit der Mutter, die Gewichtszunahme der Mutter während der Schwangerschaft, die Geburtsreihenfolge, das Gestationsalter und die Genetik.(3)

Gestationsalter und chronologisches Alter (edit | edit source)

Frühgeborene entwickeln sich langsamer als termingeborene Babys und erreichen Meilensteine später. Frühgeborene brauchen mehr Zeit für die Entwicklung ihres Körpers, ihres Gehirns und ihres Nervensystems. Daher wird das Alter von Frühgeborenen angepasst, um ihrer frühen Geburt Rechnung zu tragen. Die folgenden Definitionen beschreiben verschiedene Einteilungen des Alters:

  1. Gestationsalter (Schwangerschaftsdauer, Tragzeit): gemessen in vollen Wochen; vom ersten Tag der letzten normalen Menstruation bis zum Tag der Geburt
  2. Chronologisches Alter (tatsächliches Alter): gemessen in Jahren, Monaten und Tagen; Zeitraum ab der Geburt
  3. Korrigiertes Alter: chronologisches Alter abzüglich der Anzahl der Wochen, um welche das Kind im Verhältnis zu 40 Wochen Gestationsalter zu früh geboren ist(4)

** Beispiel: 16 Monate altes Kleinkind, das in der 28. SSW geboren wurde.

  • Gestationsalter: 28 Wochen
  • Chronologisches Alter: 16 Monate
  • Korrigiertes Alter: chronologisches Alter (16 Monate) – (40 Wochen-28 Wochen)
    • 16 Monate – (12 Wochen)
      • 16 Monate – (12 Wochen = 3 Monate)
        • 16 Monate – 3 Monate = 13 Monate korrigiertes Alter

Apgar-Score (edit | edit source)

Der Apgar-Score ist ein Schnelltest, der nach der Geburt durchgeführt wird, um den Zustand des Neugeborenen zu ermitteln. Der Test besteht aus fünf Komponenten:

  1. Hautfarbe (Appearance)
  2. Herzfrequenz (Pulse)
  3. Reflexauslösbarkeit (Grimace)
  4. Muskeltonus (Activity)
  5. Atemanstrengung (Respiration)

Jedem Faktor wird ein Wert von 0-2 zugeordnet, wobei die Gesamtpunktzahl zwischen 0-10 liegt. Der Apgar-Score wird 1 und 5 Minuten nach der Geburt durchgeführt. Er ist praktisch, anerkannt und schnell durchführbar.(5)

Frühkindliche Reflexe (edit | edit source)

Frühkindliche Reflexe (primitive Reflexe) sind unwillkürliche, auf das Überleben ausgerichtete motorische Reaktionen. Diese Reflexe entwickeln sich in der Gebärmutter und verstärken sich postpartal. Mit der Entwicklung des Nervensystems in den ersten drei Lebensjahren schwächen sich die meisten dieser Reflexe ab und verschwinden letztendlich. Da Neugeborene noch nicht in der Lage sind, kortikal gesteuerte Bewegungen zur Interaktion mit ihrer Umgebung auszuführen, übernehmen frühkindliche Reflexe diese Funktion. Das Fehlen oder Fortbestehen (Persistenz) eines Reflexes kann auf ein neurologisches Problem hinweisen.(6)(3)(7) Verzögerungen beim Verschwinden frühkindlicher Reflexe stehen in Zusammenhang mit einer verminderten sensorischen Verarbeitung und verzögerten Meilensteinen. Darüber hinaus kann eine persistierende Reflexaktivität Probleme mit der Motorik, der Koordination, dem Gleichgewicht, Lernschwierigkeiten und Verhaltensproblemen verursachen.(8)(9)

Eine Liste frühkindlicher Reflexe finden Sie in der folgenden Tabelle. Bitte beachten Sie, dass die Zeiträume für den Beginn und das Verschwinden dieser Reflexe in der Literatur variieren.

Tabelle 1. Frühkindliche Reflexe.(10)(9)(3)
Frühkindlicher Reflex Beschreibung Beginn Verschwinden
Palmarer Greifreflex Berührung der Handinnenfläche; Säugling greift den Finger 28 Wochen Gestationsalter (GA) 3-6 Monate
Plantarer Greifreflex Berührung der Fußsohle; Säugling krallt die Zehen Etwa 28 Wochen GA 9-12 Monate
Suchreflex (Rooting) Reiz als Berührung an der Wange oder Lippe; Säugling wendet den Kopf zum Reiz hin 28 Wochen GA 3-4 Monate
Saugreflex Berührung des Gaumens; Säugling fängt an, zu saugen Etwa 32-26 Wochen GA 2-5 Monate
Galant-Reflex Bestreichen der Haut neben der Wirbelsäule (paravertebral); Wirbelsäule krümmt sich zur Seite des Reizes hin Etwa 20 Wochen GA und aktiv bei der Geburt anwesend 3-6 Monate
Moro-Reflex Wenn das Baby aufgeschreckt wird (Geräusche, Licht, Bewegung), strecken sich seine Arme, Beine und sein Nacken, gefolgt von einer schnellen Zusammenführung der Arme zurück in die Mitte 28 Wochen GA 3-6 Monate
Babinski-Reflex Bestreichen der Fußsohle von der Ferse bis zu den Zehen; Streckung der Großzehe und Spreizung der restlichen Zehen 3-4 Monate 12-24 Monate
Parachute-Reaktion (Sprungbereitschaft) Die Arme werden gestreckt, wenn sie einen Sturz wahrnehmen (um den Sturz abzubremsen) 5-9 Monate Persistiert
Schreitreflex (Schreitreaktion) Das Baby wird unter den Arme gehalten, während die Füße die Unterlage berühren; das Bein, das die Unterlage berührt, beugt sich, während sich das kontralaterale Bein streckt Etwa 38 Wochen GA Etwa 2 Monate
Beugereflex (Flexorreflex, Wegziehreflex) Aktivierung von Nozizeptoren an der Fußsohle; der Fuß zieht sich durch Hüft- und Kniebeugung zurück 28 Wochen GA 1-2 Monate
Gekreuzter Streckreflex Aktivierung von Nozizeptoren an der Fußsohle des gestreckten Beins; das betroffene Bein zieht in die Flexion (Beugereflex), während das Gewicht auf die kontralaterale Seite verlagert wird, die reflektorisch gestreckt wird (Extension) 28 Wochen GA 1-2 Monate
Steigreflex (Placing-Reaktion) Der Fußrücken des Säuglings wird gegen die Kante einer Oberfläche gestrichen (z.B. Tischkante); Hüfte und Knie werden gebeugt, der Fuß wird auf die Oberfläche angehoben (ähnlich dem Hochsteigen einer Stufe); dem folgt eine Streckung des Beins, um das Gewicht zu übernehmen 35 Wochen GA 2 Monate
Stehbereitschaft (Positive Stützreaktion) Füße kommen mit der Unterlage in Kontakt bei aufrecht gehaltenem Rumpf; der Säugling übernimmt das Gewicht auf beide Beine und streckt Rumpf, Hüften und Knien 35 Wochen GA 1-2 Monate
Landau-Reflex Bauchlage, in der Luft gehalten; Kopf, Hüfte und Rücken werden gestreckt Nach der Geburt, in der Regel 3-4 Monate 12-24 Monate

Tonische Reflexe (edit | edit source)

Tonische Reflexe führen zu einer Haltereaktion bzw. einer Unterbrechung der Bewegung. Sobald sich der Säugling in einer bestimmten Position befindet, bleiben seine Muskeln angespannt und halten diese Position.(3)

Tabelle 2. Tonische Reflexe.(9)(10)(3)
Tonischer Reflex Beschreibung Beginn Verschwinden
Asymmetrisch-tonischer Nackenreflex (ATNR) Die passive Drehung des Kopfes zur Seite bewirkt eine Streckung der oberen und unteren Extremität auf der Gesichtsseite und eine Beugung auf der Hinterhauptsseite (Fechterstellung) Geburt 4-6 Monate
Tonischer Labyrinthreflex (TLR) Wird der Kopf in der Bauchlage nach vorne gebeugt (HWS-Flexion), beugen sich alle Gliedmaßen; wird der Kopf nach hinten gestreckt (HWS-Extension), strecken sich alle Gliedmaßen Geburt 6 Monate
Symmetrisch-tonischer Nackenreflex (STNR) Die Beugung des Kopfes nach vorne (HWS-Flexion) bewirkt eine Beugung der Arme und eine Streckung der Beine; die Streckung des Kopfes nach hinten (HWS-Extension) bewirkt das Gegenteil 4-6 Monate 8-12 Monate

Stellreaktionen (edit | edit source)

Stellreaktionen sind automatische Reaktionen, um eine normale aufrechte Haltung beizubehalten.(3)

Tabelle 3. Stellreaktionen.(3)
Stellreaktion Beschreibung
Optische Stellreaktion Der Sehsinn wird genutzt, um den Kopf in einer vertikalen Position zu halten
Labyrinthstellreaktion (LSR) Das Innenohr wird genutzt, um den Kopf in einer vertikalen Position zu halten, wenn das Sehen eingeschränkt ist
Halsstellreaktion (HSR) Wenn der Körper in eine Richtung geneigt wird, hält der Hals den Kopf in einer vertikalen Position
Vertikale Stellreaktion Wenn der Körper zur Seite geneigt wird, verkürzen sich der Hals und der Rumpf auf der kontralateralen Seite zur Neigung, um eine aufrechte Position des Kopfes zu gewährleisten
Körperstellreaktionen Körperstellreaktion auf den Körper: die Beugung eines Arms oder Beins mit Überkreuzen der Extremität über die Mittellinie leitet das Rollen bzw. Drehen des Körpers ein; Körperstellreaktion auf den Kopf: der Drehung des Kopfes folgt der Körper nach

Einige der frühkindlichen Reflexe werden in dem folgenden Video von RegisteredNurseRN demonstriert:

Ressourcen(edit | edit source)

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 World Health Organization: Preterm Birth. 2022.(1) Available from: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/preterm-birth
  2. World Health Organization: Recommendations for Care of the Preterm and Low-Birth-Weight Infant. 2022. Available from: https://apps.who.int/iris/bitstream/handle/10665/363697/9789240058262-eng.pdf
  3. 3.0 3.1 3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 Eskay, K. Infant Terminology and Reflexes. Plus. 2023
  4. Washington State Department for Youth and Families-Age Correction in Evaluation and Assessment of Prematurely Born Infants Guidance Document. 2020. Available from: https://www.dcyf.wa.gov/sites/default/files/pdf/esit/AgeCorrect-PrematureGuide.pdf
  5. Cnattingius S, Johansson S, Razaz N. Apgar score and risk of neonatal death among preterm infants. New England Journal of Medicine. 2020 Jul 2;383(1):49-57.
  6. Modrell AK, Tadi P. Primitive Reflexes. InStatPearls (Internet) 2021 Mar 21. StatPearls Publishing.
  7. Melillo R, Leisman G, Mualem R, Ornai A, Carmeli E. Persistent Childhood Primitive Reflex Reduction Effects on Cognitive, Sensorimotor, and Academic Performance in ADHD. Frontiers in public health. 2020:684.
  8. Pecuch A, Gieysztor E, Wolańska E, Telenga M, Paprocka-Borowicz M. Primitive reflex activity in relation to motor skills in healthy preschool children. Brain Sciences. 2021 Jul 23;11(8):967.
  9. 9.0 9.1 9.2 Hickey J, Feldhacker DR. Primitive reflex retention and attention among preschool children. Journal of Occupational Therapy, Schools, & Early Intervention. 2021 Apr 4:1-3.
  10. 10.0 10.1 Thelen E, Fisher DM, Ridley-Johnson R. The relationship between physical growth and a newborn reflex. Infant behavior and development. 1984 Oct 1;7(4):479-93.


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