Ein „Malalignment“ (Fehlausrichtung) der Patella wird nicht nur durch die Patella, sondern auch durch die Position des Oberschenkels und damit der Trochlea femoris beeinflusst. Die Position des Femurs und der Trochlea wird durch die Glutealmuskeln verändert. Daher muss bei patellofemoralen Schmerzen auch die Glutealmuskulatur beurteilt werden.(1)(2) Kliniker sollten sich darüber im Klaren sein, dass ein Assessment der Glutealmuskulatur bei patellofemoralen Schmerzen nicht isoliert durchgeführt wird. Patellofemorale Schmerzen sollten ganzheitlich beurteilt und verschiedene Faktoren berücksichtigt werden, einschließlich lokaler Faktoren im Bereich des Knies, das Assessment der gesamten Extremität sowie psychosozialer Faktoren,(3) wie Kinesiophobie und Schmerzkatastrophisierung.(4)
Das Verständnis der Funktion der Glutealmuskeln in jeder Bewegungsebene ist für die genaue Beurteilung der Leistung dieser Muskelgruppe und ihres Einflusses auf patellofemorale Schmerzen unerlässlich. Wenn der Kliniker die Bewegungsebene, in der die Dysfunktion auftritt, genau bestimmen und die problematische Struktur isolieren kann, können gezielte Rehabilitationsübungen verordnet werden.
Der M. gluteus medius wirkt als Abduktor der Hüfte in der Frontalebene. Eine unzureichende Kontrolle der Hüftabduktion in einer einbeinigen, gewichtstragenden Position führt zu einem kontralateralen Absinken des Beckens („Pelvic drop“). In diesem Szenario fällt die gewichttragende Extremität im Wesentlichen in Adduktion, was zu einem funktionellen Valgus im Knie führt. Dies wiederum bewirkt eine größere Belastung des lateralen Patellofemoralgelenks (PFG).(5)
Der Test des M. gluteus medius geschieht in der Frontalebene durch Abduktion der Hüfte gegen einen Widerstand. Während des Tests wird empfohlen, den Widerstand gegen die Hüftabduktion 10 Sekunden lang aufrechtzuerhalten. Durch das Halten des auf den Muskel ausgeübten Widerstands kann die tonische Leistung des Muskels und nicht die phasische Leistung bewertet werden (die phasische Leistung wird in den ersten paar Sekunden des Haltens einer Position gegen Widerstand getestet). Dies ist wichtig, da der M. gluteus medius als Ausdauermuskel zur Stabilisierung des Beckens wirken sollte. Um die Muskelfasertypen noch einmal zusammenzufassen: Muskelfasern vom Typ 1 erzeugen über längere Zeiträume Kontraktionen mit geringer Kraft und ermüden langsam (tonische Muskelleistung), Muskelfasern vom Typ 2 haben schnelle Kontraktionen und können schneller ermüden (phasische Muskelleistung).
Der M. gluteus medius kann auch in einer belasteten Position beurteilt werden. Der Untersucher prüft die Fähigkeit des Klienten, sein Becken zu kontrollieren, während dieser auf einer Stufe stehend einen kontralateralen „Hip drop“ (Absinken des Beckens) durchführt. Diese Position ermöglicht die Beurteilung sowohl der konzentrischen als auch der exzentrische Leistung des M. gluteus medius. Diese Position ist auch für die Kräftigung dieses Muskels effektiv.(6)
Die posterioren Fasern des M. gluteus medius sind bei einer Hüftflexion von 0° bis 20° als primäre Außenrotatoren der Hüfte aktiv. Bei einer Hüftflexion von 20° bis 50° sind die posterioren Fasern des Gluteus medius weiterhin aktiv. Ab 50° Hüftflexion wird dann der M. gluteus maximus zum primären Außenrotator. Um den M. gluteus medius zu testen, muss bei einer Hüftflexion von 0° bis 20° ein Widerstand gegen die Außenrotation der Hüfte erzeugt werden.
| Hüftflexion | 0º – 20º | 20º – 50º | >50º |
| Primärer Außenrotator der Hüfte | M. gluteus medius | M. gluteus medius ist noch aktiv | M. gluteus maximus |
Der M. gluteus maximus rotiert die Hüfte nach außen, wenn die Hüfte gebeugt ist. Der M. gluteus maximus sollte getestet werden, indem ein Widerstand gegen die Außenrotation in Hüftflexion ausgeübt wird. Es wird empfohlen, den Widerstand gegen die Außenrotation in dieser Position zehn Sekunden lang aufrechtzuerhalten, um die tonische Wirkung des Muskels zu testen.
Zu Beginn des Bridgings (Brücke, Beckenheben) befindet sich die Hüfte in tiefer Hüftflexion. Das bedeutet, dass der M. gluteus maximus als Außenrotator der Hüfte am aktivsten ist. Wenn sich die Hüfte aus der Flexion in eine neutralere Position bewegt, arbeitet der M. gluteus maximus weiterhin als Hüftextensor, aber die posterioren Fasern des M. gluteus medius übernehmen allmählich eine stärkere Rolle in der Rotation.
Um die Übung anspruchsvoller zu gestalten, kann man das nicht betroffene Bein anheben lassen (d. h. eine einbeinige Brücke ausführen lassen) und/oder ein Gewicht auf den Bauch der Person legen.
Beim Gehen arbeitet der Gluteus maximus exzentrisch, um die Rotation der Hüfte zu kontrollieren.(7) Ab dem Fersenauftritt bis zu etwa 24 % der Standphase rotieren Femur und Tibia nach innen. Dies ist eine normale, zu erwartende Bewegung. Diese Innenrotation sollte jedoch nur für einen kurzen Zeitraum erfolgen. Eine übermäßige Innenrotation führt letztlich zu einer übermäßigen Belastung des lateralen patellofemoralen Gelenks. Eine Gangschule mithilfe eines Spiegels(8) kann das Bewusstsein des Patienten für diese Bewegung schärfen und die Korrektur der fehlerhaften Biomechanik erleichtern.
Eine erhöhte Laufgeschwindigkeit geht mit einer verstärkten Bewegung in der Frontalebene einher, d. h. einem Absinken des kontralateralen Beckens („pelvic drop“) mit entsprechender Hüftadduktion und daraus resultierendem Knievalgus. Dies erhöht die Belastung des lateralen patellofemoralen Gelenks.(9) Bramah et al.(10) wiesen nach, dass die Wahrscheinlichkeit, als verletzt eingestuft zu werden, mit jedem Anstieg dieser Beckenneigung um 1° beim Laufen um ganze 80 % zunahm. Dieselbe Studie(10) zeigte auch, dass die kontralaterale Beckenneigung die Variable zu sein schien, die am stärksten mit häufigen Laufverletzungen, einschließlich patellofemoraler Schmerzen, zusammenhing.
Video: Übermäßige Hüftadduktion
Bei der Rehabilitation eines Patienten mit patellofemoralen Schmerzen, bei welchem die mangelnde Kontrolle in der Frontalebene eine Rolle spielt, ist es sinnvoll, die Laufgeschwindigkeit zu berücksichtigen. Der Kliniker kann vorschlagen, die Laufgeschwindigkeit zu reduzieren, um das patellofemorale Gelenk zu entlasten bzw. die Belastung zu verringern, als Alternative zur vollständigen Laufpause. Bei Mannschaftssportarten kann ein Positionswechsel hilfreich sein, wobei der Spieler zu einer Position wechselt, in der er nicht so schnell laufen muss.(9)
Es hat sich gezeigt, dass die Kinematik der Sprunglandung durch Verletzungen der unteren Extremitäten, einschließlich patellofemoraler Schmerzen, beeinflusst wird.(12) Sie wird auch durch die Kraft der Glutealmuskulatur beeinflusst, was sich auf den dynamischen Valgus des Knies auswirkt.(13) Auch eine systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von DeBleecker et al.(12) ergab einige Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen einer beeinträchtigten Kinematik der Sprunglandung und Überlastungsverletzungen der unteren Extremitäten. Dies deutet darauf hin, dass patellofemorale Schmerzen die Kinematik der Sprunglandung beeinflussen und dass die Kinematik der Sprunglandung durch patellofemorale Schmerzen beeinflusst wird. Daher ist es wichtig, die Kinematik der Sprunglandung als Präventionsstrategie für Verletzungen der unteren Extremitäten zu betrachten und sie bei Personen mit Verletzungen der unteren Extremitäten zu beurteilen. Bei Patienten mit patellofemoralen Schmerzen, die Sportarten ausüben, bei denen gesprungen werden muss, ist es wichtig, die Kinematik der Sprunglandung zu beurteilen, um eine unzureichende Kontrolle der Glutealmuskulatur als einen möglichen Faktor zu identifizieren. Psychosoziale Faktoren wie Kinesiophobie sollten bei der Beurteilung der Sprunglandung ebenfalls berücksichtigt werden.
Es hat sich gezeigt, dass Kreuzschmerzen(2)(14) oder Knöchelverletzungen(15) in der Vorgeschichte einer Person die Funktion der Glutealmuskeln beeinflussen. Schmerzen im unteren Rückenbereich können den M. gluteus maximus hemmen, und Sprunggelenkdistorsionen stehen in Zusammenhang mit einer Inhibition des M. gluteus medius. Da die Bedeutung der Glutealmuskeln bei Schmerzen im patellofemoralen Gelenk eindeutig nachgewiesen wurde, ist es wichtig festzustellen, ob der Patient mit patellofemoralen Schmerzen solche Ereignisse in seiner Vorgeschichte aufweist.