Entwicklungsbedingte Koordinationsstörung

Originale Autorin Stacy Zousmer
Top-BeitragendeStacy Zousmer, Jess Bell und Robin Tacchetti

Diagnose(edit | edit source)

Die entwicklungsbedingte Koordinationsstörung (EKS) ist eine neuromotorische Störung, von der etwa 5–6 % der Kinder im schulpflichtigen Alter betroffen sind.(1) Um eine genaue Diagnose der EKS zu erhalten, muss ein Kind motorische Koordinationsschwierigkeiten aufweisen, die die Aktivitäten des täglichen Lebens oder die schulischen Leistungen erheblich beeinträchtigen.(1)

Laut der 5. Auflage des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5)(2) umfassen die diagnostischen Kriterien für EKS:

  1. „Der Erwerb und die Ausführung koordinierter motorischer Fertigkeiten liegen deutlich unter dem, was angesichts des chronologischen Alters der Person und der Möglichkeit, Fertigkeiten zu erlernen und anzuwenden, zu erwarten wäre. Die Schwierigkeiten äußern sich in Ungeschicklichkeit (z. B. Fallenlassen oder Anstoßen an Gegenständen) sowie in der Langsamkeit und Ungenauigkeit bei der Ausführung motorischer Fertigkeiten (z. B. beim Fangen eines Gegenstands, beim Gebrauch von Scheren oder Besteck, beim Handschreiben, beim Fahrradfahren oder bei der Sportausübung)
  2. Das Defizit der motorischen Fertigkeiten in Kriterium A beeinträchtigt signifikant und anhaltend altersgemäße Aktivitäten des täglichen Lebens (z. B. Selbstversorgung und Selbstpflege) und wirkt sich auf die akademische/schulische Produktivität, vorberufliche und berufliche Aktivitäten, Freizeit und Spiel aus.
  3. Der Beginn der Symptome liegt in der frühen Entwicklungsphase.
  4. Die Defizite der motorischen Fertigkeiten lassen sich nicht besser durch eine Intelligenzminderung (intellektuelle Entwicklungsstörung) oder eine Sehbeeinträchtigung erklären und sind nicht auf eine neurologische Erkrankung zurückzuführen, die die Bewegung beeinträchtigt (z. B. Zerebralparese, Muskeldystrophie, degenerative Erkrankungen).“(2)

Die Präsentation der EKS ist in der Regel heterogen und tritt häufig zusammen mit anderen Erkrankungen auf, wie z. B. der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS), der spezifischen Sprachbeeinträchtigung (Specific Language Impairment, SLI) und Lernbehinderungen.(3) Die Diagnose einer EKS durch einen Arzt erfordert ein Gespräch und eine klinische Untersuchung unter Berücksichtigung der Familien- und Geburtsanamnese sowie eine Befragung zum Erreichen der Entwicklungsmeilensteine durch das Kind. Physiotherapeuten können bei der Diagnose der EKS eine wichtige Rolle spielen. Als Bewegungsexperten nutzen sie geeignete Instrumente für das Screening der Entwicklung, um Defizite bei den motorischen Fertigkeiten und der Koordination zu erkennen, und können den Patienten zur umfassenden Untersuchung an einen Arzt überweisen.

Verletzungsmechanismus / Pathophysiologie ( edit | edit source )

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Es gibt nur begrenzte Evidenz in Bezug auf die Ätiologie der EKS. Es wird vermutet, dass bei Kindern, die zu früh geboren werden oder ein sehr geringes Geburtsgewicht haben, ein höheres Risiko für motorische Beeinträchtigungen, einschließlich EKS, besteht. Bei Kindern mit EKS wurden kleinere Volumina neuroanatomischer Strukturen wie Kleinhirn und Basalganglien festgestellt, was auf eine verzögerte Entwicklung dieser Bereiche im Gehirn schließen lässt.(4) Darüber hinaus haben Studien mit Magnetresonanztomographie (MRT) den Parietallappen und Teile des Frontallappens als ätiologische Faktoren mit der Diagnose von EKS in Verbindung gebracht.(5)

Klinisches Bild (edit | edit source)

Die EKS kann sich heterogen bzw. variabel äußern, und es ist oft schwierig, zwischen den primären und sekundären Beeinträchtigungen, die mit dieser Erkrankung einhergehen, zu unterscheiden. Kinder mit EKS können Verzögerungen beim Erreichen grob- und feinmotorischer Meilensteine aufweisen, wie z. B. Sitzen, Kriechen, Gehen, Treppensteigen, Handschrift und selbstständiges Anziehen (mit Knöpfen und Reißverschlüssen). Viele erreichen jedoch die erwarteten Meilensteine rechtzeitig.(2) Das klinische Erscheinungsbild der EKS ist breit gefächert und umfasst alle vier im DSM-5 aufgeführten Kriterien.(2) Kinder mit EKS können als unkoordiniert, ungeschickt oder unbeholfen beschrieben werden und zeigen eine schlechte posturale Kontrolle; sie bewegen sich in der Regel langsamer, reagieren verzögert und müssen sich mehr anstrengen, um alltägliche, schulische und motorische Aufgaben zu bewältigen.(6) Im Allgemeinen haben sie Schwierigkeiten, ihre Bewegungen anzupassen und sich auf die Anforderungen der Umwelt einzustellen, und zeigen oft Defizite bei den exekutiven Funktionen, einschließlich der motorischen Planung und der motorischen Vorstellung.(6) Folglich kann das Erlernen neuer motorischer Fertigkeiten für Kinder mit EKS eine Herausforderung darstellen, und sie scheinen beim Erlernen neuer Aufgaben in den Vorstufen zu verharren, mit Schwierigkeiten, die Fertigkeiten auf einen neuen Kontext zu übertragen und zu generalisieren.(7) Infolge dieser Herausforderungen neigen Kinder mit EKS dazu, weniger körperlich aktiv zu sein, und es kann zu einer übermäßigen Gewichtszunahme kommen, weil sie weniger an Bewegung und Sport teilnehmen.(8) Auf dem Weg ins Jugend- und Erwachsenenalter erleben Kinder mit EKS oft ein vermindertes Selbstwertgefühl, und Studien haben ein erhöhtes Risiko für eine schlechte psychische Gesundheit, einschließlich Depressionen und Angstzuständen, bei Personen mit einer EKS-Diagnose ergeben.(9)

Diagnostische Verfahren (edit | edit source)

Obwohl die DSM-5-Kriterien 4 erforderliche Merkmale für eine genaue Diagnose beschreiben, sind eine umfassende Anamnese, eine Befragung, relevante Fragebögen, eine klinische Untersuchung und motorische Tests wichtige Schritte bei der Identifizierung eines Kindes mit EKS, und es wird empfohlen, diese Diagnose erst ab einem Alter von 6 Jahren zu stellen.(6) In den meisten Ländern muss ein Arzt eine EKS diagnostizieren, aber Eltern, pädagogische Fachkräfte und Physiotherapeuten sind oft die ersten, die atypisches motorisches Verhalten und mangelnde Fähigkeiten zu Hause oder in der Schule erkennen, wo sie deutlicher zu Tage treten.(10)(6)

Die Differenzialdiagnose ist ein wichtiger Bestandteil der medizinischen Untersuchung, da neurologische Störungen, die mit Ungeschicklichkeit und mangelnder motorischer Koordination einhergehen, ausgeschlossen werden müssen, darunter Friedreich-Ataxie, Zerebralparese, Myopathien und Schädel-Hirn-Trauma.(6)

Zusätzlich zur Befragung des Kindes und der Betreuungsperson hat der DCDQ-Fragebogen (Developmental Coordination Disorder Questionnaire) valide und zuverlässige psychometrische Eigenschaften zur Identifizierung von Kindern mit EKS gezeigt. Er ist kostenlos erhältlich unter www.dcdq.ca. (11)(12) Nach der Anwendung dieses Instruments kann ein Physiotherapeut auf der Grundlage des Alters des Kindes und der Gesamtpunktzahl feststellen, ob das Kind möglicherweise an EKS leidet oder ob es wahrscheinlich nicht betroffen ist.(13) Um die EKS-Kriterien eines Kindes mit einer Verdachtsdiagnose zu beurteilen, nutzen Physiotherapeuten die klinische Beobachtung sowie geeignete Ergebnismessungen zur Identifizierung und Beurteilung der motorischen Fertigkeiten, wie z. B. die Movement Assessment Battery for Children, 2nd Edition (MABC-2), die als Goldstandard für Kinder im Alter von 3-16 Jahren mit einer Verdachtsdiagnose von EKS gilt.(6)(14)

Ergebnismessungen (edit | edit source)

Die MABC-2 ist ein Test für Kinder im Alter von 3 bis 16 Jahren und misst die Leistung in den Kategorien manuelle Geschicklichkeit, Gleichgewicht sowie Zielen und Fangen (Fertigkeiten im Umgang mit Bällen).(15) Kinder, die bei der MABC-2 unter dem 5. Perzentil (roter Bereich) oder dem 16. Perzentil (gelber Bereich) liegen, haben motorische Schwierigkeiten, die für eine genaue Diagnose der EKS in Betracht gezogen werden können.(6) Es wird empfohlen, bei der Beurteilung eines Kindes auf EKS mindestens ein standardisiertes Assessment der motorischen Entwicklung zu verwenden;(6) weitere Optionen für die Beurteilung der motorischen Koordination sind der Bruininks-Oserestsky Test of Motor Proficiency, 2. Auflage (BOT-2) für Kinder im Alter von 4-21 Jahren(16) und der Test of Gross Motor Development, Second Edition (TGMD-2) für Kinder im Alter von 3-10 Jahren.(17)

Behandlung / Interventionen ( edit | edit source )

Gemäß der von der American Physical Therapy Association (APTA) veröffentlichten klinischen Praxisleitlinie(18) wird Physiotherapeuten empfohlen, Interventionen im Zusammenhang mit Beeinträchtigungen von Körperfunktionen und -strukturen sowie eine aufgabenorientierte Behandlung in die Therapie einzubeziehen. Zu den aufgabenorientierten Interventionen können das Training der motorischen Fertigkeiten, das neuromotorische Training, die Kognitive Orientierung bei der alltäglichen Betätigungsausführung (CO-OP) und die motorische Bewegungsvorstellung (Motor Imagery, MI) gehören.(18)

Beispiele für Interventionen, die sich mit Körperfunktionen und -struktur befassen, sind das Core-Stability-Training, das kardiorespiratorische Training und das Functional Movement-Power Training (FMPT).(18) Diese aufgeführten Interventionen sind alle evidenzbasiert und können in Kombination oder einzeln eingesetzt werden, wobei die Wahl der Behandlung auf den Ergebnissen der Beurteilung des Kindes und den Zielen des Kindes und der Familie basiert. CanChild, ein gemeinnütziges Forschungsinstitut, das sich auf Kinder mit Behinderungen und ihre Familien spezialisiert hat, hat eine Reihe von Studien zum Thema EKS durchgeführt und veröffentlicht. Als führende Experten und Wissenschaftler, die sich mit dem Assessment und der Intervention bei Kindern mit EKS befassen, schlagen sie vor, bei der Intervention von Kindern im Schulalter mit EKS eine M.A.T.C.H.-Strategie(19) anzuwenden. Dies beinhaltet die Modifizierung einer herausfordernden Aufgabe, die Änderung von Erwartungen, Lehrstrategien, die Veränderung der Umgebung und die Unterstützung des Kindes durch Verständnis und Förderung.(19) Dieses Konzept kann im Bildungsbereich angewendet werden, um den schulischen Erfolg zu fördern, und auch während der therapeutischen Intervention, um die Koordination und Konsistenz sowohl der fein- als auch der grobmotorischen Fertigkeiten zu üben und zu verbessern.

Ressourcen(edit | edit source)

Leitlinie: APTA Academy of Pediatric Physical Therapy Clinical Practice Guideline for Developmental Coordination Disorder (2020)

Webseite des Developmental Coordination Disorder Questionnaire

Referenzen(edit | edit source)

  1. 1.0 1.1 Zwicker JG, Missiuna C, Harris SR, Boyd LA. Developmental coordination disorder: a review and update. European Journal of Paediatric Neurology. 2012 Nov 1;16(6):573-81.
  2. 2.0 2.1 2.2 2.3 Edition F. Diagnostic and statistical manual of mental disorders. Am Psychiatric Assoc. 2013;21:591-643.
  3. Palisano RJ, Orlin M, Schreiber J. Campbell’s Physical Therapy for Children Expert Consult-E-Book. Elsevier Health Sciences; 2016 Dec 20.
  4. Dewey D, Thompson DK, Kelly CE, Spittle AJ, Cheong JL, Doyle LW, Anderson PJ. Very preterm children at risk for developmental coordination disorder have brain alterations in motor areas. Acta Paediatrica. 2019 Sep;108(9):1649-60.
  5. Biotteau M, Chaix Y, Blais M, Tallet J, Péran P, Albaret JM. Neural signature of DCD: a critical review of MRI neuroimaging studies. Frontiers in Neurology. 2016 Dec 16;7:227.
  6. 6.0 6.1 6.2 6.3 6.4 6.5 6.6 6.7 Caçola P, Lage G. Developmental Coordination Disorder (DCD): An overview of the condition and research evidence. Motriz: Revista de Educação Física. 2019 Apr 25;25.
  7. Smits-Engelsman B, Bonney E, Ferguson G. Motor skill learning in children with and without Developmental Coordination Disorder. Human Movement Science. 2020 Dec 1;74:102687.
  8. Joshi D, Missiuna C, Hanna S, Hay J, Faught BE, Cairney J. Relationship between BMI, waist circumference, physical activity and probable developmental coordination disorder over time. Human movement science. 2015 Apr 1;40:237-47.
  9. Harrowell I, Hollén L, Lingam R, Emond A. Mental health outcomes of developmental coordination disorder in late adolescence. Developmental Medicine & Child Neurology. 2017 Sep;59(9):973-9.
  10. Biotteau M, Danna J, Baudou É, Puyjarinet F, Velay JL, Albaret JM, Chaix Y. Developmental coordination disorder and dysgraphia: signs and symptoms, diagnosis, and rehabilitation. Neuropsychiatric disease and treatment. 2019;15:1873.
  11. Wilson BN, Crawford SG, Green D, Roberts G, Aylott A, Kaplan BJ. Psychometric properties of the revised developmental coordination disorder questionnaire. Physical & occupational therapy in pediatrics. 2009 Jan 1;29(2):182-202.
  12. Wilson BN, Kaplan BJ, Crawford SG, Roberts G. The developmental coordination disorder questionnaire 2007 (DCDQ’07). Administrative manual for the DCDQ107 with psychometric properties. 2007 Oct:267-72.
  13. Harris SR, Mickelson EC, Zwicker JG. Diagnosis and management of developmental coordination disorder. Cmaj. 2015 Jun 16;187(9):659-65.
  14. Henderson SE, Sugden DA, Barnett AL, editors. Movement assessment battery for children – second edition (MABC-2), 2nd ed. London, The Psychological Corporation, 2007.
  15. Henderson SE, Sugden DA, Barnett AL, editors. Movement assessment battery for children – second edition (MABC-2), 2nd ed. London, The Psychological Corporation, 2007.
  16. Bruininks R, Bruininks B, editors. Bruininks-Oseretsky test of motor proficiency – second edition: Manual. Circle Pines, AGS Publishing, 2005.
  17. Ulrich, D. Test of Gross Motor Development, Examiner’s Manual; Pro-ED. Inc.: Austin, TX, USA, 2000.
  18. 18.0 18.1 18.2 Dannemiller L, Mueller M, Leitner A, Iverson E, Kaplan SL. Physical therapy management of children with developmental coordination disorder: An evidence-based clinical practice guideline from the academy of pediatric physical therapy of the American physical therapy association. Pediatric physical therapy. 2020 Oct 1;32(4):278-313.
  19. 19.0 19.1 Missiuna C, Rivard L, Pollock N. They’re Bright but Can’t Write: Developmental Coordination Disorder in School Aged Children. Teaching Exceptional Children Plus. 2004 Sep;1(1):n1.


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