Protokoll zur postoperativen Rehabilitation nach Colles-Frakturen

Einleitung(edit | edit source)

Frakturen des distalen Radius sind in der Regel die Folge eines Sturzes auf eine ausgestreckte Hand.(1) Sie treten häufiger in der pädiatrischen und älteren Bevölkerung auf. Bei Kindern treten sie häufiger bei Jungen auf, während sie in der älteren Bevölkerung häufiger bei Frauen vorkommen.(2) Bei Kindern und jungen Erwachsenen ist die für diese Art von Frakturen erforderliche Kraft viel höher (z. B. ein Sturz von einem Klettergerüst oder ein Autounfall), während bei älteren Erwachsenen distale Radiusfrakturen in der Regel nach einem Sturz mit geringer Energie aus Standhöhe auftreten.(3)

Die Mehrzahl der distalen Radiusfrakturen wird konservativ behandelt,(4) aber der Einsatz von Operationen zur internen Fixation hat stark zugenommen.(2) Eine ausführlichere Beschreibung der Klassifikation von distalen Radiusfrakturen und der Arten der chirurgischen Versorgung finden Sie unter Distale Radiusfrakturen.

Protokoll zur postoperativen Rehabilitation ( edit | edit source )

Dieses Protokoll ist spezifisch für Colles-Frakturen, die mit winkelstabilen volaren Plattenosteosynthesen im Verfahren der Offenen Reposition und Internen Fixation (ORIF) versorgt wurden. Es gilt nicht für die Versorgung mit Kirschnerdrähten (Bohrdrahtosteosynthese), externe Fixateure oder andere chirurgische Verfahren. Das Protokoll wurde von australischen Handtherapeuten in Zusammenarbeit mit orthopädischen Chirurgen entwickelt.(5)

Dieses Protokoll kann auch bei Patienten mit konservativer Behandlung nach Colles-Fraktur angewendet werden. Diese Patienten dürfen jedoch erst dann mit den Übungen beginnen, wenn dies vom behandelnden Arzt erlaubt wurde. Dies geschieht in der Regel 6 Wochen nach der Verletzung.(5)

Ziele des Programms ( edit | edit source )

  • Schmerzmanagement;
  • Wiederherstellung des Bewegungsausmaßes des Handgelenks, der Finger und des Ellbogens
  • Schutz der Fraktur
  • Schwellungsabbau
  • Setzen von realistischen Erwartungen und Zielen für die Patienten

Beachte: Die Beweglichkeit nimmt in den ersten 6 Monaten tendenziell stetig zu, danach verlangsamt sich der Fortschritt.(5) In der Regel wird das Bewegungsausmaß der verletzten Seite nach etwa 12 Monaten wieder dem der unverletzten Seite entsprechen. Die Griffkraft ist zu diesem Zeitpunkt jedoch in der Regel noch ungleich.(5)

Das Protokoll (0-6 Wochen postoperativ) ( edit | edit source )

Eine erfolgreiche Behandlung erfordert eine enge Kommunikation mit dem zuständigen Orthopäden. Die physiotherapeutischen Sitzungen finden in der Regel 1-2 Mal pro Woche statt.(5)

Tag 1: ( edit | edit source )

  • Postoperativen Gipsverband/Cast abnehmen und Wunde neu versorgen (In Abhängigkeit des jeweiligen Tätigkeitsbereichs der Fachkraft)
  • Anfertigung einer volaren distalen Orthese (In Abhängigkeit des jeweiligen Tätigkeitsbereichs der Fachkraft)
  • Kompression zur Kontrolle der Schwellungen
  • Zur leichten Benutzung der Hand im Alltag ermutigen
  • Überprüfung der Vorsichtsmaßnahmen – besonders wichtig ist, dass der Physiotherapeut den Patienten daran erinnert, dass er sich 6 Wochen lang nicht auf die Hand abstützen und nichts Schweres heben darf (normalerweise wird dem Patienten geraten, nicht mehr als „eine halbe Tasse Tee“ an Gewicht zu heben)
  • Vorgaben für die Orthese: Der Patient sollte die Schiene in den ersten 3 Wochen die meiste Zeit tragen, außer während den Übungen oder beim ruhigem Sitzen.
  • Es sollte frühzeitig mit aktiven Übungen unterhalb der Schmerzgrenze für die Beweglichkeit begonnen werden:
    • Der Arm wird zum besseren Schwellungsabbau in erhöhter Position auf dem Tisch/Behandlungsbank positioniert
      • Opposition des Daumens gegen jede einzelne Fingerspitze
      • Extension/Flexion der Finger
      • 1. Tenodese in Flexion

        2. Tenodese in Extension

        Beugung und Streckung des Handgelenks in Tenodese-Bewegung (siehe Abbildung 1 und 2)

      • Ulnare/radiale Abduktion
    • Pronation/Supination mit dem Ellbogen seitlich am Körper und 90 Grad Ellbogenflexion

Die Übungen sollten 10 Mal alle 2-3 Stunden durchgeführt werden.(5)

1 Woche postoperativ: ( edit | edit source )

  • Beginnen Sie mit passiven Übungen für das Bewegungsausmaß – nur sanfte Kraftanwendung zum Schutz der Knochenheilung
    • Passive Dorsalextension des Handgelenks – beide Ellbogen auf den Tisch legen und die Hände in die Dorsalextension des Handgelenks drücken
    • Passive Volarflexion des Handgelenks – den Ellbogen auf den Tisch legen und mit der nicht operierten Hand das operierte Handgelenk in Volarflexion bringen
    • Dorsalextension des Handgelenks mit Hilfe des Ellbogens – die nicht betroffene Hand wird auf die operierte Hand gelegt – den Ellbogen der operierten Seite nach oben strecken
    • 3. Passive ulnare Abduktion

      Ulnare Abduktion durch den Ellbogen – Hand auf dem Tisch, der Ellbogen wird nach lateral bewegt, um eine ulnare Abduktion am Handgelenk zu erreichen (siehe Abbildung 3)

    • Dorsalextension des Handgelenks mit der Hand in Fauststellung, während der Unterarm auf dem Tisch ruht
    • Passive Supination/Pronation – aktiv in die Position bringen und dann mit der nicht operierten Hand eine zusätzliche Dehnung erreichen
  • 2 zusätzliche aktive Übungen für die Beweglichkeit
    • Zirkumduktion des Handgelenks in Hochlagerung (Arm liegt auf dem Tisch)
    • 8er-Figur am Handgelenk, mit dem Ellbogen seitlich am Körper

Setzen Sie die Kompression fort und erinnern Sie Ihren Patienten daran, dass er seine Orthese weiter tragen muss.(5)

2 Wochen postoperativ: ( edit | edit source )

Mit der Narbenbehandlung beginnen, sobald die Nähte entfernt wurden:

  • Narbenmassage: Kontaktmittel auf der Narbe, z.B. Silikon und Tape
  • Desensibilisierung – Klopfen, Texturen, Reiben, Eintauchen, Vibration, um das Narbengewebe und die Empfindlichkeit der Narbe zu reduzieren

Passive und aktive Beweglichkeitsübungen fortsetzen, um die innere Vernarbung zu minimieren.(5)

3 – 6 Wochen postoperativ: ( edit | edit source )

Passive Beweglichkeitsübungen fortsetzen. In diesem Stadium ist es sinnvoll, den Patienten 1 bis 2 Mal pro Woche zu sehen, um passive Modalitäten wie Wärme und Paraffinbad, Dehnungen und Mobilisationen durchzuführen. Es ist auch von Vorteil, bei jedem Termin das Programm zu überprüfen und die Übungen zu kontrollieren.

Es ist wichtig, den Patienten daran zu erinnern, dass er die Orthese ab diesem Zeitpunkt nur noch bei Aktivitäten mit höherem Sturz- oder Traumarisiko tragen muss. Dazu gehören der Aufenthalt in der Nähe von Kindern oder Haustieren, das Duschen oder Erledigungen außer Haus. Der Patient muss die Orthese nicht mehr tragen, wenn er schläft oder sich zu Hause aufhält.(5)

6 Wochen postoperativ: ( edit | edit source )

In der Regel wird der Patient seinen Operateur 6 Wochen nach der Operation nochmals aufsuchen und neue Röntgenaufnahmen anfertigen lassen. Ab diesem Zeitpunkt wird in der Regel die Kräftigung freigegeben.(5)

Nützliche Ergebnismessungen ( edit | edit source )

In der Literatur wird allgemein empfohlen, die Ergebnismessungen nach 2 Wochen, 6 Wochen, 3 Monaten, 6 Monaten und 12 Monaten zu wiederholen, sofern dies möglich ist.(5)

Komplikationen/Red Flags ( edit | edit source )

Die Komplikationen nach distalen Radiusfrakturen hängen von der Art der Behandlung ab (d. h. interne oder externe Fixation oder konservative Behandlung),(6) sowie von anderen Patientenfaktoren wie dem Rauchen(7) oder eine eingeschränkte Knochenqualität.(8)

  • Malunion(9) oder Nonunion – diese Komplikationen erfordern in der Regel eine weitere Operation
  • Sog. „Hardwareversagen“ (Lockerung oder Ausbrechen der Osteosynthese) – diese Patienten benötigen in der Regel eine weitere Operation(5)
  • Sehnenruptur(10) – diese Komplikation erfordert in der Regel eine weitere Operation(11)
  • Neuropathie/Kompression des N. medianus oder N. radialis(6) – verbessern sich oft spontan, erfordern aber manchmal eine zusätzliche Untersuchung(3)
  • Schmerzen am ulnaren Handgelenk – Kann auf die Nonunion einer Styloidfraktur oder ein ulnares Impaktionssyndrom hinweisen. Eine Operation ist erforderlich(5)
  • CRPS(12) – der Verdacht besteht, wenn nach einem chirurgischen Eingriff starke Schmerzen auftreten, die nicht kontrolliert werden können. Es kann auch zu Schwellungen kommen, die nicht beherrschbar sind, zu glänzender oder fleckiger Haut, zu erhöhtem lokalen Schwitzen und Steifigkeit(11)
  • Infektion(11)
  • Anhaltende Schmerzen – diese können durch Weichteilverletzungen oder einem Hardwareversagen verursacht werden(5)
  • Steifigkeit(13) – Um dies zu beheben, können Handtherapeuten dynamische Schienen anfertigen(5)

Referenzen(edit | edit source)

  1. Fahy K, Duffaut CJ. Hand and wrist fractures. Curr Sports Med Rep. 2022 Oct 1;21(10):345-6.
  2. 2.0 2.1 Azad A, Kang HP, Alluri RK, Vakhshori V, Kay HF, Ghiassi A. Epidemiological and Treatment Trends of Distal Radius Fractures across Multiple Age Groups. J Wrist Surg. 2019;8(4):305-11.
  3. 3.0 3.1 Handoll HHG, Huntley JS, Madhok R. External Fixation versus conservative treatment for distal radial fractures in adults (Review). The Cochrane Library. 2008;4:1-78.
  4. Dehghani M, Ravanbod H, Piri Ardakani M, Tabatabaei Nodushan MH, Dehghani S, Rahmani M. Surgical versus conservative management of distal radius fracture with coronal shift; a randomized controlled trial. Int J Burns Trauma. 2022 Apr 15;12(2):66-72.
  5. 5.00 5.01 5.02 5.03 5.04 5.05 5.06 5.07 5.08 5.09 5.10 5.11 5.12 5.13 5.14 Thorn, K. Introduction to distal radius fracture (VIMEO). Queensland: Physiopedia, 2019.
  6. 6.0 6.1 Chung KC, Malay S, Shauver MJ, Kim HM; WRIST Group. Assessment of Distal Radius Fracture Complications Among Adults 60 Years or Older: A Secondary Analysis of the WRIST Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2019;2(1):e187053.
  7. Hess DE, Carstensen SE, Moore S, Dacus AR. Smoking Increases Postoperative Complications After Distal Radius Fracture Fixation: A Review of 417 Patients From a Level 1 Trauma Center. Hand (N Y). 2020;15(5):686-91.
  8. Rosenauer R, Pezzei C, Quadlbauer S, Keuchel T, Jurkowitsch J, Hausner T et al. Complications after operatively treated distal radius fractures. Arch Orthop Trauma Surg. 2020;140(5):665-73.
  9. Handoll HHG, Madhok R. Conservative interventions for treating distal radial fractures in adults (Review). The Cochrane Library. 2008;4:1-112.
  10. Yamak K, Karahan HG, Karatan B, Kayalı C, Altay T. Evaluation of Flexor Pollicis Longus Tendon Rupture after Treatment of Distal Radius Fracture with the Volar Plate. J Wrist Surg. 2020;9(3):219-24.
  11. 11.0 11.1 11.2 Chung, KC, Mathews, AL. Management of Complications of Distal Radius Fractures. Hand Clin. 2015; 31(2): 205–215.
  12. Ortiz-Romero J, Bermudez-Soto I, Torres-González R, Espinoza-Choque F, Zazueta-Hernandez JA, Perez-Atanasio JM. FACTORS ASSOCIATED WITH COMPLEX REGIONAL PAIN SYNDROME IN SURGICALLY TREATED DISTAL RADIUS FRACTURE. Acta Ortop Bras. 2017;25(5):194-6.
  13. Kleinman WB. Distal radius instability and stiffness; common complications of distal radius fractures. Hand Clin. 2010;26:245-264.


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