Die Gesundheit von Kindern im Kontext der Migration

Einleitung(edit | edit source)

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Flüchtlinge und Vertriebene stehen vor vielen Herausforderungen. Unter diesen Menschen sind Kinder besonders gefährdet und müssen als besonders verletzliche Zielgruppe betrachtet werden. Hier einige Beispiele für gesundheitliche Situationen, von denen geflüchtete und vertriebene Kinder besonders betroffen sind.

Frühzeitige Erkennung und frühzeitiges Management von Beeinträchtigungen ( edit | edit source )

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Die Bedürfnisse von Frauen im Bereich der reproduktiven Gesundheit sind in Katastrophensituationen besonders betroffen, was zu vermeidbaren Todesfällen bei Müttern und Säuglingen führen kann.(1)Viele geflüchtete und vertriebene schwangere Frauen erleben Schwangerschaft und Geburt ohne Zugang zu angemessenen Gesundheitsleistungen, was zu mehr Risikoschwangerschaften und -geburten führt. Dieser Mangel an medizinischer Versorgung kann auch zu einer höheren Inzidenz von Geburtskomplikationen führen. Daraus lässt sich auch ableiten, dass Beeinträchtigungen, die bei der Geburt diagnostiziert werden könnten, häufig übersehen werden oder die Bestätigung der Diagnose verzögert geschieht. Darüber hinaus schränkten die mit der COVID-19-Pandemie verbundenen Einschränkungen die Möglichkeiten zur Früherkennung von Behinderungen weiter ein.(2) Wenn Beeinträchtigungen festgestellt werden, ist der Zugang zu geeigneten Gesundheitsdiensten für das Kind begrenzt; die Strukturen für ihre Behandlung sind oft nicht weithin verfügbar oder die Dienste sind nicht spezialisiert genug. In den Lagern für Flüchtlinge und Vertriebene können die Gesundheitsdienste meist nur eine grundlegende medizinische Primärversorgung anbieten. Daher gibt es für Kinder mit verschiedenen Beeinträchtigungen wie Lippenspalten, Spina bifida, Hydrocephalus, Zerebralparese, Klumpfüßen usw. weniger Möglichkeiten, spezialisierte Dienste in Anspruch zu nehmen.

Ein mangelnder Zugang zu Frührehabilitationsdiensten kann das Entwicklungspotenzial der betroffenen Kinder beeinträchtigen. Viele Kinder, die mit einem Klumpfuß geboren werden, haben zum Beispiel mehrere Monate lang keinen Zugang zur entsprechenden Versorgung. Es ist daher wahrscheinlicher, dass sie bleibende Fehlstellungen davontragen oder operiert werden müssen. Auch Kinder, die mit einer Zerebralparese (CP) geboren wurden oder diese erworben haben, bekommen möglicherweise erst im Alter von etwa 2 Jahren die Diagnose, wenn die Eltern feststellen, dass sie noch nicht laufen können. Diese Verzögerung bei der Erkennung führt zu einer drastischen Einschränkung des Entwicklungspotenzials des Kindes.

Zugang zu Impfungen ( edit | edit source )

Kinder, die auf der Migrationsroute oder in einem Land geboren werden, in dem sie keinen legalen Status haben, haben möglicherweise keinen Zugang zu Impfprogrammen. Impfungen werden häufig in Langzeitlagern für Flüchtlinge und Vertriebene angeboten. Viele Kinder werden jedoch außerhalb dieser Lager geboren oder wachsen woanders auf. So haben sie keinen Zugang zu grundlegenden Impfstoffen, obwohl sie sich in einer prekären gesundheitlichen Situation befinden. Polio, Röteln und Masern sind Infektionskrankheiten, die in direktem Zusammenhang mit schlechten Lebensbedingungen stehen. Einige Faktoren, die das Risiko der Ausbreitung von Infektionskrankheiten erhöhen, sind: Überbelegung, rudimentäre Unterkünfte und Mangel an Trinkwasser oder Seife. Im Jahr 2004 wurden beispielsweise 61 % der geflüchteten Liberianer in Flüchtlingslagern in der Elfenbeinküste positiv auf Masern getestet. Die höchste Inzidenzrate wurde bei Kindern unter 9 Monaten beobachtet.(3)

Mangelernährung(edit | edit source)

Es wird geschätzt, dass mehr als 250 Millionen Kinder unter 5 Jahren (43 % aller Kinder unter fünf Jahren)(4) aufgrund von Armut, schlechtem Gesundheitszustand, schlechter Ernährung und unzureichender Betreuung ihr Entwicklungspotenzial nicht voll ausschöpfen können.(5) (6) Es gibt viele Ursachen für die Mangelernährung von Kindern, einschließlich Migration bzw. Flucht und Vertreibung. Beispiele für Flucht und Vertreibung sind: Flucht und Binnenvertreibung infolge von Konflikten, wie in Syrien; Flucht aufgrund politischer Probleme, wie in Cox Bazaar in Bangladesch; und Situationen der Entbehrung aufgrund humanitärer Krisen und des Klimawandels, der eine immer häufigere Ursache ist, da er Familien dazu zwingt, in besser bewohnbare Gebiete zu ziehen.

Flucht und Vertreibung werden mit einer 57 % höheren Wahrscheinlichkeit akuter Mangelernährung bei Säuglingen in Verbindung gebracht, was sich direkt auf das Wachstum und die Entwicklung der Kinder auswirkt.(7) In Zeiten der Flucht und Vertreibung ist der Zugang zu hochwertigen Nahrungsmitteln eingeschränkt. In den Lagern für Flüchtlinge und Vertriebene gibt es unter Umständen nur begrenzte Rationen bzw. eine begrenzte Auswahl an Nahrungsmitteln, und Kinder werden oft nicht bevorzugt behandelt. Darüber hinaus verkaufen Eltern aus wirtschaftlichen Gründen oft einen Teil ihrer Lebensmittelrationen, ohne eine angemessene Ernährung ihrer Kinder sicherzustellen. Es ist auch wichtig, daran zu denken, dass einige der von den Agenturen bereitgestellten Zusatznahrungsmittel neu sein können oder sich von dem unterscheiden, was die Eltern/Betreuer bisher gegessen haben. Daher ist es wichtig, die Art der angebotenen Lebensmittel sowohl kulturell als auch ernährungsphysiologisch einzuordnen und die Eltern darin zu schulen, wie sie diese Lebensmittel oder Nahrungsergänzungsmittel für ihre Kinder zubereiten können. Andernfalls besteht die Gefahr, dass diese Lebensmittel verderben oder nicht effektiv für die Ernährung der Kinder verwendet werden.

  • Kinder unter 5 Jahren, die von schwerer akuter Mangelernährung betroffen sind, weisen häufig Entwicklungsverzögerungen auf. Jüngste Daten deuten auf eine starke Wechselwirkung zwischen Mangelernährung, neuromuskulären Erkrankungen und kognitiven Beeinträchtigungen hin, was weltweit zu einer erheblichen Last führt.(8)
  • In Lagern für Flüchtlinge und Vertriebene arbeiten Rehabilitationsfachleute häufig mit Kindern, die in unterschiedlichem Maße mangelernährt sind und dadurch Entwicklungsverzögerungen aufweisen. Daher kann eine Kombination aus Physiotherapie und Ernährungsrehabilitation von Vorteil sein.

Entwicklungsverzögerungen ( edit | edit source )

Akute Mangelernährung ist nicht die einzige Ursache für Entwicklungsverzögerungen. Weitere Faktoren, die die motorische, kognitive und soziale Entwicklung eines Kindes einschränken, sind: fehlende Gelegenheiten zur Stimulation, das Leben in engen Räumen, kein Zugang zu Spiel- und Stimulationsmaterialien, die Tatsache, dass das Kind schon sehr früh sich selbst überlassen wird, oder die Tatsache, dass es in der Obhut eines etwas älteren Geschwisters bleibt.

Intervention(edit | edit source)

Um diese erhöhten Risiken auszugleichen, sind folgende Maßnahmen ratsam:

  • Angebot von Früherkennungsdiensten für Neugeborene/Kinder in Lagern für Flüchtlinge und Vertriebene als Ergänzung zu den bereits vorhandenen Diensten für schwangere Frauen.
  • Wenn bei einem Kind eine Beeinträchtigung festgestellt wird oder die Gefahr besteht, dass es eine solche entwickelt, ist es wichtig, es an spezialisierte Versorgungsdienste zu verweisen und die Nachbetreuung der am meisten gefährdeten Kinder sicherzustellen. Um dies zu erreichen, muss die Zusammenarbeit zwischen den Gesundheitseinrichtungen in den Lagern und den Aufnahmestaaten erleichtert werden. Dies wird dazu beitragen, einen kohärenten und effektiven Fluss von Überweisungen für Kinder mit Beeinträchtigungen zu gewährleisten.
  • Suchen Sie nach bestimmten Projekten oder Diensten in der Umgebung des Lagers oder in der Nähe, um die Bedürfnisse des Kindes zu unterstützen. Zu den Dienstleistungen könnten gehören: mobile Unterstützung, Unterstützung in einem Zentrum oder Fernunterstützung, je nachdem, was in der jeweiligen Umgebung verfügbar ist.
  • Es kann möglich sein, durch Schulung des vorhandenen medizinischen Personals eine grundlegende Behandlung einer Beeinträchtigung zu gewährleisten. Möglicherweise können sie den Kindern eine grundlegende Rehabilitation anbieten, um Folgekomplikationen zu minimieren.
  • Vergewissern Sie sich, dass die Kinder die notwendigen Impfungen erhalten haben. Einige Aufnahmeländer oder Hauptstaaten haben möglicherweise Richtlinien, die die Impfungen für Kinder in Flüchtlings- und Vertriebenenlagern abdecken. Es ist daher wichtig, die Richtlinien bzw. Strategien im Bezug auf die Dienste zur Unterstützung der Kinder in den Lagern zu kennen.
  • Überwachen Sie die Ernährungssituation der Kinder und bieten Sie Nahrungsergänzungsmittel an, wenn eine Mangelernährung vorliegt.
  • Bieten Sie Frühförderung und Frühstimulation für Flüchtlingsgruppen sowie spezielle Spielbereiche an.

Eine fürsorgliche elterliche Betreuung ist ein wirksames Instrument zur Verbesserung der frühen Entwicklung von Kindern.(6) Manche Familien spielen nicht regelmäßig mit ihren Kindern oder bieten ihnen keine Stimulation. Daher ist es ratsam, Workshops für Eltern anzubieten, in denen die Vorteile des Spiels und der Stimulation aufgezeigt werden und ihnen beigebracht wird, wie sie das Spielen als Teil ihrer täglichen Aktivitäten fördern können.

Darüber hinaus müssen diese Interventionen neu bewertet, überwacht und weiterverfolgt werden, um sicherzustellen, dass die Intervention kontinuierlich / regelmäßig neu gestaltet wird. Da es sich bei großen Flüchtlings- und Vertriebenenlagern um ein dynamisches Umfeld handelt, können Systeme und Vereinbarungen zusammenbrechen oder unterbrochen werden. Die Schlüsselfaktoren für diese Dynamik können sein: Mitarbeiter der Behörden oder des Lagerkomitees, Personalwechsel bei den Agenturen, Umzug der Flüchtlingsfamilien zwischen den Unterkünften, was alles dazu führen kann, dass die Unterstützung oder Betreuung des Kindes verloren geht.

Stimulation des Kindes und Mangelernährung ( edit | edit source )

In einigen Flüchtlingslagern haben Rehabilitationsfachleute die Early Childhood Stimulation Therapy (ECST) entwickelt. Dies geschieht in Verbindung mit Notnahrung, Rehydrierung und grundlegender medizinischer Versorgung, um den Kindern die beste Überlebenschance zu geben, ihre Widerstandsfähigkeit zu erhöhen und ihre zukünftige Lebensqualität zu verbessern.(9)

Einzelne Sitzungen der ECST für akut mangelernährte Kinder können:

  • Beeinträchtigungen und Defiziten vorbeugen
  • Entwicklungsverzögerungen verringern
  • Motorische, sensorische, sprachliche und kognitive Fähigkeiten verbessern
  • Die Eltern-Kind-Bindung wiederherstellen
  • Der Mutter, dem Vater oder der Betreuungsperson helfen, das Kind zu stimulieren und mit ihm Spaß zu haben
  • Die Eltern über Warnzeichen im Zusammenhang mit dem spezifischen Zustand ihres Kindes aufzuklären und darüber, wann sie sich an spezialisierte Dienste wenden sollten

Die Mutter, der Vater oder die Betreuungsperson nimmt an diesen Sitzungen teil, um zu lernen, wie sie das Kind zu Hause stimulieren und Freude am Spielen mit dem Kind finden kann. Durch das Spiel geben sich das Kind und die Betreuungsperson die Möglichkeit, sich in ihrer komplexen und sich verändernden Umgebung zu entfalten. Eine Studie in Mali (10) zeigte, dass das allgemeine Entwicklungsergebnis und die Beurteilung der motorischen Fähigkeiten bei Kindern, die eine motorische Stimulation erhalten haben, signifikant höher ausfallen.

Ressourcen(edit | edit source)

  • UNICEF Migration and Children
    • UNICEF untersucht die Migration und ihre Auswirkungen auf Kinder und zeigt die wichtigsten Richtungen für künftige Forschungen auf, um zu verstehen, wie Kinder von der Migration betroffen sind, und um sich für politische Maßnahmen einzusetzen, die die negativen Auswirkungen auf ihr Wohlergehen abmildern
  • International Society for Social Paediatrics and Child Health (ISSOP) Position Statement on Migrant Child Health
    • Die Ziele der ISSOP-Positionserklärung zur Gesundheit von Kindern mit Migrationshintergrund sind:
      • „Sensibilisierung schaffen für das Ausmaß spezifischer gesundheitlicher und sozialer Probleme von Migrantenkindern und für das jedem Kind innewohnende Recht, Hilfe und Schutz zu erhalten.“(12)
      • „Für das Recht jedes Kindes auf gleichberechtigten Zugang zur besten verfügbaren Gesundheits- und Sozialfürsorge eintreten, unabhängig von seinem rechtlichen Status.“(12)
      • „Die Gesellschaften aufrufen, ihrer Pflicht nachzukommen, jedem Migrantenkind zu helfen, sein Potenzial für ein glückliches und gesundes Leben auszuschöpfen, indem sie Krankheiten vorbeugen, angemessene medizinische Behandlung anbieten und die soziale Wiedereingliederung unterstützen.“(12)
  • Health of Refugee and Migrant Children – Technical Guidance
    • „Das Ziel dieses technischen Leitfadens ist es, die nationale und lokale Gesundheitspolitik über die Gesundheitsversorgung von neu angekommenen Flüchtlings- und Migrantenkindern zu informieren. Diese Gruppe umfasst Kinder im Alter von 0 bis 18 Jahren, die Asylbewerber sind, sich in einer irregulären Situation befinden oder sich in den ersten zwei Jahren nach ihrer Ankunft im Aufnahmeland befinden. Der Leitfaden konzentriert sich daher auf die medizinische Erstversorgung dieser Kinder.“(13)

Referenzen(edit | edit source)

  1. Fatemi F, Moslehi S. Challenges of Reproductive Health Management in the Camps of Internally Displaced Persons: A Systematic Review. Ethiop J Health Sci. 2021 Jan;31(1):179-188.
  2. Hunt X, Banks LM. The Health of People with Disabilities in Humanitarian Settings During the Covid-19 Pandemic. IDS Bulletin, 2022; 53(2).
  3. United Nations University. Eradicating Measles Outbreaks in Refugee Camps. Available from:https://unu.edu/publications/articles/eradicating-measles-outbreaks-in-refugee-camps.html (Accessed 28 July 2020).
  4. Kumar P, Rohatgi S, Singh P, Daniel A. Strengthening Psychosocial Stimulation in the Management of Children With Severe Acute Malnutrition: Experience From a Nutrition Rehabilitation Center. Indian Pediatr. 2021 Nov 15;58 Suppl 1:S42-S45.
  5. Engle PL, Black MM, Behrman JR, De Mello MC, Gertler PJ, Kapiriri L, Martorell R, Young ME, International Child Development Steering Group. Strategies to avoid the loss of developmental potential in more than 200 million children in the developing world. The lancet. 2007 Jan 20;369(9557):229-42.
  6. 6.0 6.1 Zhang L, Ssewanyana D, Martin MC, Lye S, Moran G, Abubakar A, Marfo K, Marangu J, Proulx K, Malti T. Supporting Child Development Through Parenting Interventions in Low- to Middle-Income Countries: An Updated Systematic Review. Front Public Health. 2021 Jul 16;9:671988.
  7. Iacoella F, Tirivayi N. Child nutrition during conflict and displacement: evidence from areas affected by the Boko Haram insurgency in Nigeria. Public Health. 2020 Jun;183:132-137.
  8. Grantham-McGregor S, Cheung YB, Cueto S, Glewwe P, Richter L, Strupp B, International Child Development Steering Group. Developmental potential in the first 5 years for children in developing countries. The lancet. 2007 Jan 6;369(9555):60-70.
  9. Bekele A, Janakiraman B. Physical therapy guideline for children with malnutrition in low-income countries: a clinical commentary. Journal of Exercise Rehabilitation. 2016 Aug;12(4):266.
  10. Camara MD, Diop CT, Bassoum O, Tine JAD, Mahmoud MI, Leye MMM, Ndiongue M, Niang K, Faye A. Study of the Efficacy of Stimulation Physiotherapy in the Management of Severe Acute Malnutrition in Children Aged 6-59 Months in Bamako, Mali, American Journal of Pediatrics, 2020; 6(1):12-21.
  11. Handicap International. BurkinaSantéFR Available from: http://www.youtube.com/watch?v=pVv5ccpgVsA(last accessed 28/07/2020)
  12. 12.0 12.1 12.2 ISSOP Migration Working Group on behalf of ISSOP. ISSOP Position Statement on Migrant Child Health, 2017.
  13. Health of refugee and migrant children. Copenhagen: WHO Regional Office for Europe, 2018 (Technical guidance on refugee and migrant health).


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